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LITERATUR
Weiblich, katholisch, krank
Im Münsterland auf den Pfaden der Dichterin Annette
Droste zu Hülshoff
Gehetzt weht der Wind und raschelt spukhaft im Blätterhain. Reißt
Wolken in Fetzen, weht sie über Türme und Buchenkronen. Schwerfällig
schiebt sich am Ende des Tages die Sonne über die grauen Mauern
der Burg, verhakt sich im Efeu und gießt ihr Licht endlich wie
befreit über den Park. In dessen Mitte, in gerader Achse zwischen
dem Gartenhaus und der Zugbrücke, hebt sich ihr ein marmornes Gesicht
entgegen, den Blick in die Ferne gerichtet. „Bleib fort“,
sagt das Gesicht. „Störe nicht meine stillen Kreise“.
Annette Freiin Droste zu Hülshoff , kurz die Droste genannt. Schwermütig,
elegisch versponnen. Eine, die von furchtsamen Knaben in dunklen Mooren,
von Kornfeldern, von Heide-Romantik, von glibbschigen Tieren schrieb.
„Unke kauert im Sumpf/Igel im Grase sich duckt,/in dem modernden
Stumpf/schlafend die Kröte zuckt/und am sandigen Hange/rollt sich
fester die Schlange.“ Mit so etwas gab es schon zu ihren Lebzeiten
keinen Preis zu holen. Dass sie die wohl bedeutendste Dichterin des
19. Jahrhunderts war, erkannte man erst im 20. Jahrhundert. Den Zeitgenossen
schien sie als eine zerrissene Wanderin auf dem schmalen Pfad zwischen
Ordnung und Abgrund oder als versponnene Jungfer, die in Schnürstiefeln
den Käfern nachkriecht.
Den Käfern der Droste kriechen heute die Touristen nach, schlendern
durch die Museumsräume in Annettes Geburtshaus Burg Hülshoff
in der Nähe der Bischofsstadt Münster oder wandeln durch das
Rüschhaus, in dem Annette nach dem Tod des Vaters lebte. Auch Reiseanbieter
haben die Dichterin lange entdeckt; geführte Touren auf ihren Spuren,
durch Wiesen und Heidelandschaften, an lilienbedeckte Tümpel, gibt
es per pedes oder radelnd.
Wenig hat sich seit Annettes Tagen auf der Wasserburg Hülshoff
verändert. Auf einem Photo aus dem Jahre 1860 sind die Tannen und
Waldbäume schon so groß wie heute. Noch immer dort ihre Nachfahren
und bewahren ihr Andenken. Die meisten der Räume sind Museum. In
der Bibliothek des Vaters stehen die Werke, die Annettes Kindheit und
auch ihre späteren lyrischen Versuche prägten: Goethe, Schiller
und Shakespeare natürlich, die Bücher des Hausfreundes Graf
Friedrich Leopold zu Stolberg, damals ein berühmter Dichter, heute
fast vergessen. Durch Stolberg wird die Familie mit den Dichtern des
Hainbundes bekannt, vor allem mit Johann Heinrich Voß. Außerdem
enthält die Bibliothek Werke der Naturkunde und Ornithologie. Beschreibungen
aus diesen beiden Bereichen werden Annettes Dichtung prägen, sie
literaturwissenschaftlich in die Lücke zwischen Romantik und Realismus
setzen.
Annette war privat und literarisch an die Landschaft gebunden, in der
sie aufwuchs. Wenn ihr Blick auch nach außen ging und sie sehr
wohl die sozialen und politischen Umstände ihrer Zeit wahrnahm,
so war sie doch mit der Natur am glücklichsten. Im selben Jahr
wie sie wird Heinrich Heine geboren, jener Dichter des Vormärz,
der nur wenige freundliche, aber viele bittere Worte über sein
Heimatland schrieb. Die romantische Verklärung Joseph Eichendorffs
(1788 –1857) und E.T.A. Hoffmanns (1776 –1822) kommt gerade
aus der Mode, die lyrischen Töne werden politischer und kesser.
Hölderlin und Kleist leiden so sehr an der Welt, dass am Ende nur
noch der Wahnsinn beziehungsweise der Selbstmord helfen. In den Literatursalons
der Caroline Schlegel-Schelling in Jena und bei Rahel Varnhagen in Berlin
nehmen Frauen für sich in Anspruch, aufgrund ihrer gefühlsmäßigen
Sensibilität die Welt genauso gut wie Männer beurteilen zu
können – und machen den Mund auf. Was dabei rauskommt, sind
emanzipierte, politische Stellungnahmen. Die Ideale der französischen
Revolution begeistern die Intellektuellen. Als Annette im Mai 1848 stirbt,
herrscht in Deutschland Revolution, tritt in der Frankfurter Paulskirche
die Nationalversammlung zusammen.
Von Münster zur Burg zu finden, ist nicht schwer. Der Weg ist gut
ausgeschildert, an warmen Sonntagen und frühlingshaften Feiertagen
wird die Burg zum Picknickplatz. Die Münsterländer sind stolz
auf das berühmteste Kind ihrer Region, heute jedenfalls. „Ich
bin ein Westphale, und zwar ein Stockwestphale, nämlich ein Münsterländer“,
ließ die Droste einen Edelmann in „Bei und zu Lande auf
dem Lande“ bekennen. Heimatliebe und Patriotismus waren stets
ein Teil der katholischen und erzkonservativen Wertvorstellungen der
Dichterin, wenn auch nicht blinde. Mit ihren westfälischen Schilderungen
erboste sie 1845 ihre Landsleute. Den Münsterländer beschrieb
sie als groß, fleischig, die lichtblauen Augen ohne kräftigen
Ausdruck, das feine Gesicht mit fast lächerlich kleinem Munde,
bemerkte außerdem, „es gibt nämlich fast keinen Mann,
den man als solchen wirklich schön nennen könnte...“.
Annette wächst behütet und auch eingeengt auf. Die Mutter
Therese sorgt für eine umfangreiche Bildung und Gehorsam. Im Gegensatz
zu ihrem Ehrgeiz steht Annettes schwächliche Gesundheit: Migräneanfälle,
Herzschmerzen, Brustverengung und einige eingebildete Schmerzen, die
Ausdruck ihres empfindlichen Gemüts waren. Die Ausstellung auf
der Burg zeigt aber auch die fröhliche Seite des jungen Mädchens:
Sie sang und musizierte gerne, hatte Witz und Schalk und spielte zur
Unterhaltung der Familie schauerliche Kitschromanzen vor.
Die literarischen Anfänge stammen aus dem Jahr 1810, da war Annette
13 Jahre alt. Die frühen Gedichte, die Fragmente „Berta“
(1818) und „Ledwina“ (1819) sind in Sprache und Form an
die Dichter des Hainbundes angelehnt. Schon aber thematisiert die Droste
auch ihr Lebens- und Schaffensproblem: Den Widerspruch zwischen eigenen
Ambitionen und der Unfähigkeit, die Grenzen ihrer Herkunft und
Epoche zu sprengen. Zeit ihres Lebens wird sie sich davon gefesselt
fühlen „weiblich“, katholisch“ und „ein
guter Aristokrat“ zu sein. Dazu kommen eine labile Gesundheit
und schließlich noch eine Liebestragödie, an deren Ende Annette
mit Vorwürfen überschüttet wird. Zutiefst gedemütigt,
beginnt sie ihren Weg in die innere und schließlich äußere
Einsamkeit, versinkt in Schwermut und Schmerz.
Mehr noch als im Elternhaus, das Annette später nur noch selten
besuchte, ist der Geist der Droste im Rüschhaus, das wenige Kilometer
entfernt liegt, erhalten geblieben. Zugunsten des Bruders räumen
die Frauen die Burg nach dem Tod des Vaters 1826. Der ehemalige Landsitz
des Baumeisters Johann Conrad Schlaun ist eine Mischung aus Herren-
und Bauernhaus. Für Annette ist es ein Umzug in die Stille. Endlich
kann sie sich ihren Naturbeobachtungen und Träumereien hingeben,
ist sie nicht mehr durch Konventionen gefesselt. Das Leben im Rüschhaus
ist karg und Annettes Gedichte werden nun gebraucht, um zum Lebensunterhalt
der Frauen beizutragen: „Ich frühstücke um halb elf,
kalte Milch mit Wasser vermischt, zu Mittag esse ich nichts wie Kartoffeln
in der Schale“, schreibt Annette und klagt darüber, keine
Reisen machen zu können. Die Freunde aber, Adele Schopenhauer,
die Schwester des Philosophen, Else Rüdiger, die in Münster
einen kleinen Literatursalon hat und vor allem Levin Schücking,
Annettes letzte große Liebe, amüsieren sich mit ihr prächtig
bei „unvergesslichen Plauderstündchen“ und „Geistergeschichten“.
Wo sie bei diesen Stündchen saß, wo sie schlief, wo sie arbeitete
– „Ich schreibe, lese, was mir die Güte meiner Freunde
zukommen lässt, stricke ein klein wenig...“ - und wie sie
durch ein Fenster in ihrem Zimmer stets einen Blick in die Küche
hatte - „Hermann backt jetzt Pflaumen, wir haben Obst im Überfluss
- , all das lässt sich im Rüschhaus noch nachspüren.
Die Blumen und Hecken sind nicht aus Annettes Tagen, damals war es ein
reiner Nutzgarten. Auch das Rauschen der Autobahn ist modern. Begraben
wurde Annette Droste zu Hülshoff fern des Rüschhauses. Sie
starb mit 51 Jahren bei ihrer Schwester am Bodensee.
Copyright für alle Texte bei Andrea Strunk
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