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LITERATUR
Gestutzte Schwingen
Jenseits von Afrika:
Das Leben der Tania Blixen auf Rungstedtlund
„Ich hatte eine Farm in Afrika“. So seufzte einst die Schriftstellerin
Tania Blixen, und Millionen Zuschauer seufzten gerührt mit ihr.
„Jenseits von Afrika“, die filmische Adaption ihres Romans,
macht die Blixen posthum über Nacht zum Superstar. Und zum Inbegriff
einer starken Frau, deren Liebe so tragisch schön erlischt, wie
die glühende Sonne, die im Film ständig und überall hinter
weichgezeichneten afrikanischen Hügeln untergeht.
Das wahre Leben beginnt, wo Hollywood abblendet. Das der Blixen beginnt
in Rungstedt, einem dänischen Städtchen, eine halbe Stunde
Fahrtzeit von Kopenhagen entfernt. Dort wurde sie am 17. April 1885
auf Rungstedtlund, dem Gut ihres Vaters, geboren. Dorthin kehrte sie
krank und mittellos zurück, nachdem ihre Zeit als Herrin von M’bogani
geendet hatte. Misswirtschaft, persönliche Tragödien, der
Tod von Denys Finch Hatton und nicht zuletzt ein - trotz Eintretens
für „ihre Schwarzen“- Gefühl von weißer
Überlegenheit, waren Teil des Scheiterns. Der eigentlich Grund
jedoch war: Afrika scherte sich einen Dreck um die Sehnsüchte und
die Liebe einer neurotischen Europäerin.
„Africa made me, Denmark undid me“, also „Afrika hat
mich geschaffen, Dänemark hat mich zerstört“ steht an
einer Wand von Rungstedtlund. Das ehemalige Wohnhaus der Schriftstellerin
ist heute ein Museum, eine vielräumige Blixen-Huldigung in Satz
und Polaroid. Dennoch taugt das Museum, dessen Errichtung die Blixen
in ihren letzten Lebensjahren noch selbst in die Wege geleitet hat,
nicht zur Erfüllung spätkolonistischer Sehnsuchtträume.
Der Mythos verschleiert hier nur manchmal die Wirklichkeit. Ungeschönt
werden die vielen Gesichter der Blixen gezeigt - als Frau und als Autorin.
Zahlreiche Photos und Texte dokumentieren die Entwicklung vom melancholisch
zarten Mädchen zur mageren, sterbenskranken Diva. Im Untergeschoss
des Museum sind Gemälde zu sehen, die Tania als Studentin der Akademie
der Künste in Kopenhagen und später in Afrika gemalt hat,
darunter einige, die einen zweiten Blick wert sind. Die Zimmer des Wohnhauses
sind so belassen, wie Blixen sie eingerichtet hat, jeder Raum ein Zeugnis
der Zugehörigkeit seiner Bewohnerin zur gebildeten Oberschicht.
Der ehemalige Stall beheimatet heute einen Museumsshop und im Obergeschoss
eine Ausstellung.
Rungstedt, der Ort, hat nicht viel zu bieten, ist so jenseits von Afrika,
wie ein Ort nur sein kann. Die Häuser sind typisch dänisch,
es gibt einen Kerzenladen, einen Polser-Stand, eine Softeis-Diele. Müde
Wellen klatschen an einen handtuchbreiten Strand.
Tania hat die dänische Enge des Ortes gehasst. Glücklich war
sie nur, wenn sie einen ihrer stundenlangen Märsche unternahm.
Mehr als im Museum, lässt sich der Geist der Blixen daher im Garten
finden, auf dessen Wegen sie ihre Romane ersann. Auch wenn sie lange
gehofft hat, nicht in Dänemark zu sterben, hat sie sich früh
ihre Grabstelle ausgesucht: einen kurzen Spaziergang vom Haus entfernt
unter der Ewaldsbuche, so benannt nach dem dänischen Dichter Johannes
Ewald, der von 1773 bis 1775 auf Rungstedtlund lebte. Das Grab: Ein
schlichter Stein mit Namen und Daten. Pompös hat die Blixen gelebt,
sterben wollte sie möglichst schlicht. Im Film bittet sie Denys,
ihre Überreste in der Weite Afrikas zu begraben. Die Alternative
unter der Ewaldsbuche kommt diesem Wunsch wohl am nächsten.
„Tanne“, wie Tania, die eigentlich Karen heißt, sich
als Kind selber nannte (hieraus entwuchs der Vorname Tania, unter dem
sie in Deutschland bekannt wurde), hat in Rungstedtlund nie Wurzeln
geschlagen, obwohl sie den größten Teil ihres Lebens dort
verbrachte. Sie war das enfant terrible der Familie, eine einsame Außenseiterin,
die sich in Literatur flüchtete und schon früh einen schier
unendlichen Schöpfungsdrang zeigte. In Bildern, Gedichten und Theaterstücken
rebelliert sie gegen die bigotte Frömmigkeit ihrer Familie mütterlicherseits.
„Lieber Gott, dieses graue verschlissene kindische, unendlich
abgeschmackte Dasein, es ist nicht zum Aushalten.“
Vor der Enge und dem farblosen Dahingleiten des Lebens floh sie mit
25 Jahren erst nach Paris und dann in die Ehe mit dem schwedischen Baron
Bror Blixen, einen charmanten, aber völlig verarmtem Lebemann.
In Bror fand Tania einen Seelenfreund, ihre große Liebe war er
nicht, das ist seit dem Film hinlänglich bekannt, ebenso, daß
sie sich von Bror die Syphilis holte, die Ehe scheiterte, die beiden
aber trotzdem Freunde blieben und dass Tanias wirkliche Liebe, Denys
Finch Hatton, von Afrikas glühendem Himmel abstürzte.
Der Rest der Geschichte siedelt im dunklen Raum zwischen Erinnerung
und Selbstinszenierung, zwischen Liebes-Sehnen, Löwen-Jagd und
Klarinettentönen. Finch Hatton beispielsweise (abgesehen davon,
daß er Robert Redford so ähnlich sah, wie ein Radiowecker
einem Rosenstrauß) war wohl kaum der Märchenprinz, zu dem
die Blixen ihn in ihrem Roman gemacht hat. Er war eher ein Fähnchen-in-den-Wind-Hänger
und ein ewiger Abenteurer, der sie mehr als einmal im Stich ließ.
Nicht, daß die afrikanischen Geschichten erlogen wären. Dazu
besaß die Blixen zuviel Grandessa. Eher sind sie zurechtgebogen,
dem jeweiligen Erscheinungsbild angepaßt, daß Blixen von
sich und der Welt zu entwerfen liebte. „Seven Gothic Tales“,
Blixens erster, 1934 erschienener Roman jedenfalls ist ein Mosaik aus
Erlebtem und Erfundenem, sprachlich arg manieriert, hier ein wenig Kierkegaard,
dort ein wenig Baroness Blixen. Das Buch wird ein Erfolg. Einmal überzeugt,
nun endlich ihre Bestimmung gefunden zu haben, arbeitet Blixen ihre
Erinnerungen aus Afrika auf, verwebt Mythos mit Wirklichkeit, Schwulst
mit Schwindel, Historie mit Naturanschauungen. 1937 erscheint unter
dem geschmacklosen deutschen Titel „Afrika, dunkel lockende Welt“,
das Buch, das Blixens Weltruhm begründete, sie gar in die Runde
der Namen bringt, die für den Literaturnobelpreis angedacht werden.
Wie fern das Werk der Realität ist zeigt der Kommentar von Thomas
Dinesen zu dem Epigraph des Buches „Reiten, Bogenschießen,
die Wahrheit sagen“: Nichts von allem habe seine Schwester gekonnt,
bemerkt er nach deren Tod süffisant.
Wie erlogen oder erfunden Tanias Geschichten auch immer gewesen sind,
ihr schriftstellerischer Erfolg beruhte nicht zuletzt auch auf Disziplin
und immenser Zähigkeit. Wer in Rungstedtlund spazieren geht, kann
ermessen, wie verzweifelt die Blixen war, als sie nach Dänemark
zurückkehren musste. Das Schreiben wird zur Rettung: Gegen nordeuropäische
Tristesse, Krankheiten, ideologische und private Irrungen. Den Willen,
niemals aufzugeben, erhält sie sich bis zu ihrem Tod. Selbst als
sie in ihren letzten Jahren von Koliken und Kollapsen wahrhaft niedergestreckt
wird, diktiert sie weiter, notfalls auf dem Boden oder im Bett liegend.
Am 7. September 1962 stirbt die Unbesiegbare in ihrem Bett auf Rungstedtlund
und wird mit einem ihrer eigenen Gedichte zu Grabe getragen: „Selbst
Vögel, die im Käfig geschlüpft sind, sich träumend
himmelwärts entringen, drum singt mein Herz in seinem Gefängnis,
nur von Schwingen, nur von Schwingen“.
Service: Ringstedt liegt auf der Insel Seeland, rund dreißig Kilometer
von Kopenhagen entfernt. Der Ort ist über die E 47 Richtung Helsingor
zu erreichen. Öffnungszeiten sind vom 1. Mai bis zum 30. September
täglich von 10 bis 17 Uhr. Führungen sind nur mit Vorbestellung
möglich, es werden jedoch Rekorder mit Cassetten in Deutsch verliehen.
Dem Museum angeschlossen sind ein Buchladen, ein Cafe und ein Vogelgehege.
Literaturtips: „Die Herrin von Ringstedtlund. Erinnerungen an
meine Zeit mit Tania Blixen“ Clara Selborn, Deutsche Verlagsanstalt
1993
„Tania Blixen. Ihr Leben in Dänemark und Afrika. Eine Bildbiographie“,
Frans Lasson und Clara Selborn, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1987
Copyright für alle Texte bei Andrea Strunk
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