LITERATUR

 

Licht fällt auf die Lider
Uwe Johnsons „Jahrestage“: Spurensuche in Jerichow

Den Klützer Winkel kannte lange niemand. Und noch immer wüsste wohl kaum ein Mensch die Lage dieses Flecken zu benennen. Es sei denn, man fährt mit wachen Blicken für das Wesentliche im vermeintlich Unwesentlichen die Strecke der Hanseatenstädte über Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald. Es sei denn, man hat Uwe Johnsons „Jahrestage“ gelesen, ist Heinrich Cresspahl, seiner Tochter Gesine und der Enkelin Marie verfallen oder leidet mit Johnson an der spröden, wie schmerzlichen Sehnsucht nach den schattigen Alleen, den Spiegelungen der Flüsse und Seen, mit denen Mecklenburg durchzogen und übersät ist, eine einsame Wasserlandschaft unter einem melancholischen Himmel, „das Licht drückt die Lider nieder“.
Klütz ist ein dreitausend-und-eine-handvoll-Seelen-Dorf am Rande der Lübecker Bucht, unweit des Ostseebades Boltenhagen, ein ehemaliges Ostkaff, mit Macht und Munterkeit nach westlichen Maßstäben restauriert, ein Winzstädtchen aus rotem Backstein, durch dessen Straßen manchmal der Ostseewind, meist aber die Ödnis weht. Leben möchte man dort nicht. „Man müsste überhaupt ein Fremder sein, um einen Ort wie Klütz länger als eine Stunde erträglich zu finden.“ Bei Johnson wird die Idylle als Trugbild entlarvt, ein dunkles Konglomerat aus Enttäuschungen und Selbsttäuschungen, das erst dem rechten, dann dem linken Totalitarismus den Weg ebnete.
Jerichow ist die Stadt, in der die Posaunen erschollen, bis die Mauern brachen. In der Fiktion des Schriftstellers ist Klütz Jerichow, und Jerichow ist Klütz. Mit seinem Hang zur Detailversessenheit nimmt sich Johnson des Ortes an, zuerst in „Mutmaßungen über Jakob“, dann, fast als schulde er der Geschichte oder sich selber eine Fortsetzung, in den „Jahrestagen“: „Jerichow zu Anfang der dreißiger Jahre war eine der kleinsten Städte in Mecklenburg-Schwerin, ein Marktort mit zweitausendeinhunderteinundfünfzig Einwohnern, einwärts an der Ostsee gelegen, ein Nest aus niedrigen Ziegelbauten entlang einer Straße aus Kopfsteinen.“ Zehn Jahre nach der Wende sind viele der Johnsonschen Beschreibungen verblüffend treffend. Die Marienkirche, in Ermangelung anderer hoher Bauten noch immer das überragende Wahrzeichen von Klütz, sieht aus wie der Turm der Jerichower Petrikirche. „...lang und spitz läuft er zu, und wie die Mütze eines Bischofs hat er Schildgiebel an allen vier Stirnen“, „...eingewickelt vom Laub sechshundertjähriger Bäume“ und Schilder weisen den Weg zum Schloss Bothmer, „In diesem Winkel regiert der Adel, Arbeitgeber, Bürgermeister, Gerichtsherr über seine Tagelöhner, als Raubritter berühmt geworden, als Unternehmer wohlhabend“. Die Fähre von Travemünde auf den Priwall, auf der Heinrich Cresspahl Lisbeth Papenbrock kennenlernte und das Schicksal seinen Lauf zu Verstrickung und Unglück nahm, fährt trotz betriebswirtschaftlicher Probleme immer noch, den Bahnhof, auf dem Jakob Abs seine Bahnkarriere als Rangierer begann, findet man restauriert und mit Pommes-Bude im Erdgeschoss vor. Ein Heimatchronist im besten Sinne sei Johnson gewesen, schreibt sein Biograph Jürgen Grambow. Seine Werke ließen sich lesen wie ein Baedeker.
Früher war Klütz unendlich weit, Lübeck-Schlutup der letzte Posten auf westlichem Boden und, weil Nadelöhr, der Schrecken der Autofahrer. Kurz dahinter zog sich die Ostsee in den Dassower See zurück. Vom Ufer im Osten waren deutlich die Trugbilder der Freiheit, die Fähren von Travemünde und das luxuriöse Maritim-Hotel zu erkennen. Nur konnte sie niemand sehen, weil der See bereits zum Todesstreifen gehörte, „...nur zwölf Kilometer von meines Vaters Haustür und unerreichbar, das Ufer Demarkationslinie, Staatsgrenze, das Wasser: britische Zone, Bundesrepublik Deutschland, der Westen“. Der Bann des Todes hat der Natur am See um so mehr Leben eingehaucht. Zehn Jahre nach der Wende widersetzt sich der Schilfgürtel dem Vandalismus jener Wessis, die des Gruseleffekts halber auf der Unmenschlichkeitslinie trampeln gehen.
Heute ist es von Lübeck in den Klützer Winkel nur ein Sprung. Von Deutschland nach Deutschland, von einer Stadt, die für rechtsradikale Aufmärsche bekannt ist, in ein Bundesland, in dem die Rechtsradikalität der böse Bruder der Wiedervereinigung ist. Demnächst kommt die A20 und schneidet Narben in die noch aus Zonenrandgebietszeiten intakte Natur, trennt Höfe von ihrem Land, Ställe von den Weiden. Endlich wird die Globalisierung die mecklenburgische Behäbigkeit erfassen, den Landjunker-Staub davon pusten, und auch den letzten gottverlassenen Ostwinkel heim in das Reich des Westens führen. Tausche Mecklenburger Butter gegen Erfüllung vergrämter Hoffnungen.
Allsonntäglich verschlägt es Boltenhagen-müde Urlauber nach Klütz, um einmal einen Blick auf jene Dörfer zu werfen, die noch immer aussehen, als sei der Osten die „Zone“. Die kopfschüttelnd vor Häuserruinen, grauen Fassaden und ärmlichen Heruntergekommenheiten stehen und lautstark äußern, dass es ja kein Wunder sei, dass der Osten es zu nichts gebracht habe. Längst haben sich die Klützer Restaurants dem Westgeschmack angepasst, in den Schnitzeln indischer Art mit Mangoschnitten und der Ostseeplatte findet sich kein Unterschied zu den Verköstigungsstätten im Westen. Geschmacksverderbend sind nur die Blicke der Kellnerinnen und der Ortsansässigen, denen - je mehr Westautos die Marktmitte und je mehr Westhintern den Tresen der Eisdiele blockieren - die nach innen gefressene Mauer in die Pupillen rutscht.
Auf dem Friedhof von Klütz, auf dem sich alle möglichen Namen, nur nicht die mecklenburgischen der Johnson-Romane finden lassen, erinnert ein Stein an die Opfer des Untergangs der Cap Arkona. „Den Toten zur Ehre – den Lebenden zur Mahnung.“ Dem Unglück hat Johnson acht Seiten in seinem dritten Band der Jahrestage gewidmet, gestützt auf authentische Dokumente mit dem Element der fiktiven Verfremdung. „Sie durften dann die Särge schließen und auf den Friedhof tragen. Als das Massengrab zugeschippt war, schossen die Briten eine Ehrensalve in die Luft.“
Gleich neben dem Gedenkstein liegt ein Haufen Grabstein, die meisten nur noch Trümmer, Erinnerung an Tote, derer keiner mehr gedenkt, und für die niemand mehr die Grabstellen bezahlt. Wären Heinrich Cresspahl und seine Frau Lisbeth, Jakob Abs und die alten Papenbrocks Wirklichkeit, anzunehmen, es wären ihre Steine, die hier liegen. Mit der sozialistischen Vergangenheit wird auch in Klütz gründlich aufgeräumt. Nicht einmal Trabbiruinen sieht man hier noch an den Straßenrändern stehen, ordentlich entsorgt stapeln sie sich auf einem Schrottplatz am Dorfausgang. Nur die Kartoffel- und Kohlpflanzen, die Ranunkeln, wo im Westen Rosen stünden, und die über grau asphaltierte Höfe gespannten Wäscheleinen aus Strick erinnern an Zeiten, als Bescheidenheit hier eine Tugend war.
Mecklenburg hat viele Künstler inspiriert. Fritz Reuter plattdeutschte in Stavenhagen gemütlich vor sich hin, Ernst Moritz Arndt reimte wandernd in Alleen, Caspar David Friedrich verfiel der künstlerischen Elegie in Eldena und dem Kitsch an den Rügener Kreidefelsen. Hiddensee bezauberte Gerhard Hauptmann so sehr, dass er dort sterben wollte – und es auch tat -, Hoffmann von Fallersleben inspirierte das Land zum fröhlichen „Alle Vögel sind schon da“. Doch keiner von diesen liebte Mecklenburg so verzerrend und gleichzeitig so gnadenlos wie Uwe Johnson. Noch am Ort seines Todes, dem englischen Sheerness-on-Sea blinkten ihm im Spiegel der Themse die Seen: „Es ist eine Täuschung und fühlt sich an wie Heimat“.
Heimatlosigkeit und Schuld sind die roten Fäden im Werk von Johnson. Als Gesine „im Frühling des vierten Jahres der Deutschen Demokratischen Republik“ türmt, tut sie dies, „obwohl sie wusste: Moralisch, politisch, zukunftsbewußt gesehen, tue ich mir das Schlimmste an, was ich tun kann, ich geh in die Vergangenheit“. Und nie wird Johnson, der – als der Suhrkamp-Verlag sich anschickt „Mutmaßungen über Jakob“ zu veröffentlichen - auf Drängen seiner Freunde in den Zug steigt und in Richtung Berlin „einfach davonfährt“, vom schweren Boden Mecklenburgs loskommen. „Wir träumten grau und weiß und gelb, den wuchtig bewölkten Himmel, die Ähren, die Stoppeln, die festen Sandwege.“ Selbst als er in der Weltstadt New York lebt, kennt Johnson nur eine Heimat: Die Provinz.
Eben diese Heimat aber hat Johnson bis ins Mark enttäuscht, ihn in den Westen gedrängt, den zu lieben er nie imstande war. Er blieb ein Fremder, eine einsame Gestalt, selbst von Freunden seiner Unberechenbarkeit willen gefürchtet. In Berichten über die „Gruppe 47“, zu der er in seiner Berliner Zeit gehörte, wird er stets nur am Rande erwähnt, Reich-Ranicki, der Ober-Experte für „die deitsche Literatur“ verliert in seinen Memoiren gerade mal zwei Sätze über ihn. Nur Siegfried Unseld, sein Verleger, hat ihm bis zu seinem Tod die Treue gehalten.
Im dritten Band der Jahrestage stellt Johnson Überlegungen an „Wenn Jerichow zum Westen gekommen wäre. „Die Stadtstraße wäre ein Kanal zu ebener Erde, asphaltiert, eingefasst von Kristallglas und Chrom. Auch in den ärmsten Häusern wären die Kreuzstöcke ausgebrochen, ersetzt durch Schaufenster oder doppelglasig versiegelte Apparate... Jerichow würde zum Zonengrenzbezirk Lübeck gehören. Abgeordnete im Kieler Landtag. Schimpfen auf Kiel. Der überlebende Adel kandidierte für die CDU. Der Flugplatz Jerichow-Nord wäre der Flugplatz Mariengab, für nichts zugelassen als privates Gerät, Konkurrenz für Lübeck-
Blankensee. Manchmal, und öfter benähmen sich die Jerichower als wären sie Klützer.“
Johnson selber hat in Interviews stets abgestritten, dass Klütz Jerichow sei. Notizbücher aus der frühen Mecklenburger Zeit gibt es nicht, wahrscheinlich hat Johnson sie vernichtet. Es gibt auch keine Hinweise, dass Johnson jemals im Klützer Winkel war. Erzählt hat er stets nach Dokumenten, Ansichtskarten und erhörten Episoden.
Jerichow, unabhängig von seiner Lage, ist vor allem ein Ort der Erinnerung an den Verlust der Kindheit und der Unschuld. Der politischen, der persönlichen. Schon deshalb lassen sich die Jahrestage nicht wie eine Blaupause lesen. Der Ziegeleiweg, in dem das vom Großvater geerbte Haus der Gesine liegt, ist in Klütz nicht zu finden, ist Johnsons ganz private Sehnsuchtsprojektion, eine der anrührendsten und warmherzigsten Episoden der „Jahrestage“. Gesine beschreibt das Haus so intensiv, dass die dreizehnjährige Tochter Marie es ihr im Miniformat bastelt: ein Beweis unverrückbarer Liebe einer Tochter zu ihrer schwierigen Mutter. Und einen Bürgermeister Heinrich Cresspahl wird man in den Archiven vergebens suchen.
Andere Beschreibungen hat die Zeit überholt. Die Weizenverladestelle ist ein nutzloser Schuppen und der Rangierbahnhof, auf dessen Gleisen Jakob Abs starb, stillgelegt. Die Thälmannstraße heißt Schlossstraße, der bothmer’sche Adel hat nicht überlebt. Lediglich ein schlichtes Grab auf dem Friedhof erinnert an den letzten Hausherrn, Hans Kaspar von Bothmer, der sein Schloss für Seuchenkranke öffnete und dann selber am Typhus starb. Das Schloss indes verfällt hinter blinden Fenstern, im Park erobert das mecklenburgische Unkraut sich die zwanghaft anglizisierten Beete zurück.
Uwe Johnson starb im Jahre sechs vor der Deutschen Wiedervereinigung. Im Jahre elf nach der Wiedervereinigung flimmert Jerichow über die Bildschirme. Margarete von Trotta hat die „Jahrestage“ verfilmt. Klütz allerdings kommt in dem Film nicht vor, gedreht wurde - der Ästhetik der Bilder willen - in Fischland, auf dem Darß, in Güstrow und auf Rügen. Unabhängig von der Qualität der Verfilmung dürfte mancher Johnson-Fan schon bei der Auswahl der Schauspieler gequält zucken: Die schöne Susanne von Borsody ist Gesine in ihren New Yorker Jahren, und Matthias Habich mit seinen wie absichtlich gelegten Männlichkeitsfalten spielt Heinrich Cresspahl.
Eine vergangene Wirklichkeit wollte Johnson wieder herstellen, das Schreiben als Brücke zur Heimat. „Was du zurücklässt, es soll nicht alles unentbehrlich sein“, sagt Gesine. Trotzdem stellt Johnson fest: „Wo ich her bin, das gibt es nicht mehr“. Wie recht er hatte, mehr, viel mehr, als er je ahnen konnte.


Copyright für alle Texte bei Andrea Strunk

 

 

 

 

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