LITERATUR

 

Pathetik und Bodenschwere
In der Heimat der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf

Wenige Häuser säumen den Rand der Straße in das schwedische Städtchen Sunne. Zu beiden Seiten gibt es dichtbewaldete Hügel. So dicht, dass man meinen könnte, der Baumbewuchs - nicht die Hügel - würde Wellen schlagen. Manche Schilder künden von Orten, die aus Tannenduft und Verlassenheit bestehen. Unvermutet, als sei es ihr im Wald zu eng geworden, öffnet sich die Landschaft und gibt den Blick auf langgezogene Felder, buntbemalte Häuser frei. Värmland: Land aus Licht und Dunkelheit.
Hier, zwischen Feld und Wald, liegt Marbacka, das Herrenhaus der schwedischen Schriftstellerin und Literaturnobelpreistägerin Selma Lagerlöf. Geburtsstätte, Schaffensort, Todeshaus - der Lagerlöf war es alles drei, vor allem aber der einzige Ort auf der Welt, in dem sie Heimat sah.
Värmlands Wälder, Seen, Hügel, Bräuche und das, was diese Landschaft aus den in ihr lebenden Menschen macht, sind Quelle all jener spätromantischen und manchmal unerträglichen Klischees, deren pathetische Wortwerdung der Lagerlöf beides einbrachten: großen Ruhm und vernichtende Kritik. Ihre Verehrer sehen in ihr eine der genialsten romantischen Erzählerinnen ihrer Zeit. Sie bescheinigen ihr psychologisches Einfühlungsvermögen, Darstellung des Unbewussten, einen ausgeprägten Pazifismus, Eintreten für die Emanzipation der Frau. Die anderen mokieren sich über ihre Sentimentalität, Schwarzweiß-Malerei, Manierismus der Sprache, die unkritische Verklärung von Heimat und Nation, die heutige Leser an die Blut-und-Boden-Mentalität des späteren Nationalsozialismus erinnert.
Aus der räumlichen Distanz ist diese Verklärung manchmal unerträglich, inmitten des Värmlandes wird sie verständlich. Mit den abendlichen Nebeln senkt sich dort jene skandinavische Bodenschwere nieder, die auch den norwegischen Dichterkollegen Knut Hamsun bannte und zu düsteren Lebensbildern inspirierte. Die Sagen, die sich die Leute hier erzählen, wenn lange vor dem Winter die Abende voller Dunkelheit sind und der Wind um die hölzernen Häuser weht, handeln von geheimnisvollen Mächten, von dunklen Dämonen und lasterhaften Verlockungen. Hell ist das Leben in Värmland nur in den wenigen Wochen die zwischen den Maitänzen und Erntebräuchen liegen.
Selma Ottilia Lovisa, wie die Lagerlöf mit vollem Namen heißt, wurde 1858 auf dem Gut Marbacka geboren. Als Spross einer privilegierten Oberschicht - der Vater war auch Offizier - verbringt sie, wie sie später schreibt, eine glückliche Kindheit, obwohl sie wegen eines angeborenen Hüftleidens meist im Bett liegen muss. Trunksucht des Vaters und wohl auch Misswirtschaft führen 1884 dazu, dass Marbacka verkauft werden muss. Für Selma ist der Verlust der Heimat eine traumatische Erfahrung, deren Verarbeitung ihre Werke prägt. Stets gibt es die zwei gegensätzlichen Motive: Das Idyll, die Kindheit, auf der einen Seite, der schwache, oft alkoholkranke oder lebensuntüchtige Mensch auf der anderen. Anders als bei ihrer Schriftstellerkollegin Astrid Lindgren, bei der auch das Idyll eine Leichtigkeit hat, wirken die Figuren der Lagerlöf, selbst der Kinderheld Nils Holgersson, moralschwer. Immer ringt das Gute mit dem Bösen, wird dem Glanz edler Gefühle und der tiefen Menschlickeit der Vergangenheit hinterher getrauert.
Marbacka und damit die Erinnerung an glückliche Tage zurückzugewinnen,
wird für Selma zur Haupttriebfeder ihrer Arbeit. Zunächst arbeitet sie als Lehrerin, beschließt jedoch zur selben Zeit, es mit der Schriftstellerei zu versuchen. Zehn Jahre lang probiert und verwirft sie, bis ihr schließlich im Alter von 33 Jahren mit ihrem Erstlingswerk "Gösta Berling", ein Roman über den Untergang der värmländischen Herrenhaus-Geschlechter, der Durchbruch gelingt. Dass sie 1909 für dieses Werk unter Zurücksetzung des in Schweden sehr geachteten Schriftstellers Strindberg den Literaturnobelpreis bekommt, empört nicht nur viele ihrer Landsleute. Für die Lagerlöf allerdings ist der Preis mehr als eine Ehre: Mit dem Geld kauft sie ihr Geburtshaus zurück und beendet ihre Heimatlosigkeit.
Marbacka, das nach dem Tode der Schriftstellerin Museum wurde, ist ein schönes Haus. Reich, wie sie nun war, ließ die Lagerlöf es 1924 umbauen und erweitern. Die Ausstattung der Räume ist ohne Übertreibung prachtvoll, heute würde Selma Ottilia Lovisa mit ihrem Lebensstil in die Kategorie der Edelyuppies gehören: ein erfolgreicher weiblicher Single mit einem erlesenen Geschmack und einem Haufen Geld.
Aber eben auch mit all den Nachteilen, den so ein Status mit sich bringt. Zu einer Familie brachte es die Lagerlöf nie, verkörperte eben stets den Typ der autarken Karrierefrau. In der Broschüre zu Marbacka ist zu lesen, dass sich in der Diele allabendlich „die Leute des Hofes versammelten, um ihre Instruktionen entgegenzunehmen“. Die Porträts der Dichterin in ihrem Heimathaus zeigen eine Frau mit einem energischen Mund, die Augen fest, die Gesichtszüge kontrolliert. Die Lagerlöf, so scheint es dem Betrachter, war eine beherrschte und kühle Frau. Dieser Eindruck wird weder durch den makaberen Enthusiasmus, mit dem das unveränderte Sterbezimmer der Lagerlöf vorgeführt wird, noch durch den herrisch aussehenden Spazierstock der Dichterin, der in der Bibliothek auf ihrem Schreibtisch liegt, gemildert. Wer die weiche Seite der Schriftstellerin finden will, dem bleibt wenig, als sich mit „Gösta Berling“ oder mit einem ihrer anderen 30 Romane und 100 Erzählungen auf eine värmländische Lichtung, an das Ufer des Fryken-Sees zu setzen und festzustellen, dass die Naturbeschreibungen der Lagerlöf noch immer so zutreffend sind, als hätte sie diese just verfasst.
Selma Lagerlöf starb 1940. Ihr Tod fand in den apokalyptischen Wirren des Krieges wenig Beachtung. In ihren letzten Lebensjahren hatte sie Schriften gegen eben diesen Krieg verfasst, hatte geschrieben, bis sie den Stift nicht mehr halten konnte. Erst 1958, an ihrem 100. Geburtstag, besannen sich die Verleger wieder auf die Lagerlöf und gaben ihre Werke neu heraus.

ANREISE:

Von Göteborg auf der Straße 45 bis Karlstad, am nördlichen Ende des Vänersees.
Von dort auf der 62 bis Edeby, dann nach links Richtung Sunne.
Marbacka liegt nach 28 Kilometern auf der rechten Seite.

Öffnungszeiten: Täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr

Literatur: Elin Wägner: Selma Lagerlöf. Eine Biographie.
Selma Lagerlöf: Marbacka. Das Tagebuch der Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf. Nymphenburg 1984.


Copyright für alle Texte bei Andrea Strunk

 

 

 

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