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USA
Korallentod in Tomorrowland
Biosphere2 : Die Mininachbildung der Erde ist heute Touristenattraktion
und Ort ökologischer Forschungen.
Die Broschüre mit den Photos, auf denen sich Sonnenstrahlen gekonnt
in Glasquadraten brechen und im Textteil die Schönheit gepriesen
wird, als sei man gekommen, das schlafende Schneewittchen zu wecken,
gibt es nur in englischer Sprache. Schade eigentlich, denn sie wäre
ein schönes Souvenir für die Kinder gewesen, die zu Hause
blieben und nichts wissen von jener Idee, mit der die Amerikaner die
Schöpfung überrumpeln wollten. Becher, Sticker, T-Shirt, Plüschwal
wären die Alternativen, aber nein, soweit geht die Andenkenlust
dann doch nicht. „Beschweren Sie sich“, sagt die Kassiererin.
„Dass wir inzwischen ganz viele Besucher aus Europa haben, nimmt
das Management offenbar nicht wahr.“
Vor mehr als einem Jahrzehnt in der Sonora-Wüste: Dreißig
Meilen nördlich von Arizonas schöner Wüstenstadt Tucson,
in einem Tal der Santa Catalina Mountains, beginnt 1991 eines der ehrgeizigsten
und mit Grandezza gescheiterten Experimente amerikanischer Biologen:
Auf 13.000 Quadratmetern, unter 6600 Glasplatten, die in über 40
Kilometer Stahlrahmen eingelassen sind, wird eine Imitation der wahren
Biosphäre geschaffen, die Biosphere2. Acht Menschen lassen sich
darin für zwei Jahre einschließen. Hermetisch abgeriegelt,
vollkommen auf sich selbst gestellt, umgeben von einer Miniatur aller
auf der Erde vertretenen Vegetationszonen, wollen sie den Beweis erbringen,
dass der Mensch überall überleben kann. Sogar dann, wenn es
die wirkliche Biosphäre nicht mehr gibt. Die Idee, so spektakulär
sie damals schien, war biologisch gesehen simpel. Gemäß der
Erkenntnis, das Leben auf der Erde unterläge dem Gesetz der Selbstregulation
und der Selbsterhaltung, gingen Wissenschaftler davon aus, es könne
also gelingen, den Kreislauf der Erde zu imitieren. Soweit der wissenschaftliche
Aspekt, nach dem kein Hahn gekräht hätte, wäre er nicht
ideologisch glorifiziert, wäre Biosphere2 nicht zum Disneyland
der Wissenschaft geworden. All is possible, alles geht, diesem typisch
amerikanischen Glauben, war Biosphere2 Futter. Der kalte Krieg war beendet,
der Gegner als solcher nicht mehr furchterregend genug, um Aufrüstung
zu rechtfertigen. Ideologien, neue Helden mussten her. Biosphere2 kam
da wie gerufen. Forschungsdirektor John Allen spekulierte öffentlich
über eine Eroberung des Mars. Rund um die Gewächshäuser,
die gläsernen Kuppeln und Pyramiden postierten sich Hotdog-Verkäufer
und Pressevertreter, Idealisten wittern Morgenluft: Biosphere2 könnte
der Anfang einer besseren Welt sein. Ein Mimikry, das der Wirklichkeit
entspricht, aber deren Schattenseiten, das Böse und Sündige
ausschließt. Eine Thoreaux’sche Welt des Friedens, ein triumphales
„We shall overcome“ .
Noch immer brechen sich die Strahlen der Sonne an Kuppeln und Fensterecken,
stehen Saguaro- Kakteen wie stachelige Wächter, ist die Sonora-Wüste
eine grandiose Kulisse. In besseren Zeiten schwärmten die Amerikaner
von der „Surrealen Lichtgestalt im dunklen Tal“, dem „Tempel
für die Pharaonen der Zukunft“. Inzwischen jedoch ist jedes
moderne Einkaufszentrum größer als Bisophere2. Wie aus einer
Zeit „yet to come“ erscheint das Forschungszentrum daher
nicht mehr.
Biosphere2 ist heute Forschungsgelände und Lehranstalt für
Studenten der Columbia Universität aus New York, die dort ihre
„Earth Semester“ belegen. Außerdem wird sie als didaktische
Touristenattraktion gehandelt, soll Besucher lehren, verantwortungsvoll
mit der Erde umzugehen. Mehrmals täglich treffen sich Gruppen vor
dem Coffee-Shop, fast 200 000 Besucher im Jahr sollen es sein. Zwei
Arten von Touren gibt es zu buchen: Die eine führt durch die Gewächshäuser
und zu den Souvenirshops, die andere in das Herz von Biosphere2, jenen
Bereich, in dem die Biosphärianer zwei Jahre ausharrten.
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Chaps und rasselnde Schlangen
Auf der Grapevine Ranch in Arizona
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