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Lagerfeld kam nur bis Bratislava
Die Hauptstadt der Slowakei strebt zur Moderne und in die EU-Mitgliedschaft


Es gibt Städte, die erdrücken, bis man sich wie eine platte Schabe auf einem staubigen Treppenabsatz fühlt. Matschig irgendwie, innereienlos und mutterseelenallein. Nicht Bratislava. Die Hauptstadt der Slowakei ist einfach zu klein, zu behäbig in ihrem Rhythmus, um zu verängstigen. Nach drei Tagen bewegt man sich, als seien seit der Ankunft Jahre vergangen. Sofern man die slowakischen Namen ohne ernsthafte Verletzungen über die Zunge gerollt bekommt, kann man gerade eingetroffenen Erstbesuchern mühelos den Weg durch die Altstadt erklären und dabei noch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und besten Kaffeehäuser erwähnen.
Um die Schönheit Bratislavas zu entdecken, bedarf es mehr, als eines Blicks. Wer von Wien kommt, der sieht zunächst schon aus der Ferne sozialistisch verbrämte Plattenbausiedlungen, die treppenartig in die hügeligen Ausläufer der kleinen Karpaten gebaut wurden. Wie aus purem Trotz steht gewaltig der hrad, die Burg von Bratislava, über der Stadt, gegenüber starrt Slavin, monumentales Kriegerdenkmal der Roten Armee und nunmehr seiner ideologischen Glorie beraubt, wie peinlich berührt vor sich hin. Beim Näherkommen sieht man die Fabrikschornsteine, Stahlbrücken, Ausfallstraßen, Tankstellen, Mac Donalds, Visa-Card-Werbetafeln, wo links noch sozialistische Verkommenheit herrscht, prunkt rechts schon kapitalistischer Übermut.
Bratislava ist eine junge Stadt: die jüngste Hauptstadt Europas. Nach der Auflösung der Föderation mit Tschechien erlangte die Slowakei am 1. Januar 1993 zum erstenmal in ihrer Geschichte - wenn man von der Zeit als scheinselbständiger Satellitensaat der deutschen Faschisten absieht - Autonomie. Doch wer Flügel bekommt, kann nicht immer fliegen, und so ist die aufstrebende Metropole exemplarisch für die Probleme des Landes. Nach dem Wegbruch des sozialistischen Absatzmarktes der ehemaligen UdSSR mußten viele Betriebe ihre Produktion einstellen, die Arbeitslosigkeit stieg rapide, die Inflation machte den Lohnanstieg sofort zunichte. „Was morgen ist, das weiß heute keiner“, beschreibt Florian Takac die Situation.

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