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Ode an die Steppe Eine Woche zu Besuch bei Nomaden auf den Hochweiden Kirgisiens. Kein Komfort. Keine sanitären Einrichtungen. Nasse Schlafsäcke, Löcher in den Jurten, vergorene Stutenmilch bis zum Schädelplatzen. Dafür Steppe, so weit das Auge reicht, Familienanschluss, warmes Brot mit Rahm, singende Kinder und herzerwärmende Gastfreundschaft. Und schon nach ein paar Tagen das Fazit: Wenn das kein Glück ist, was dann? Wenn die Wolken über den Gipfeln der himmlischen Berge gezogen sind und hinter dem Son-Kul-See die Sonne untergeht, kommt noch einmal Wind auf und bringt ganz sacht die starren Halme des Steppengrases zum Summen. Als probe hier ein Orchester eine zarte Symphonie, wird die Melodie durch leises Getrappel aus der Ferne unterstützt. Auf den Hängen treiben Hirten ihre Schafe zusammen, über die ganze Steppe tönt ihr rhythmisches Tschu-Tschu, mit dem sie die Tiere scheuchen. Die Kinder haben ihre täglichen Pflichten erfüllt und sitzen vor dem Eingang zur Jurte. Sie singen. Ihr Lied fügt sich harmonisch in das melancholische Allegro des Windes und das übermütige Scherzo der Hirten. „Hört ihr?“ fragt Sarylbek. „Das ist die Hymne der Nomaden.“ Sarylbek ist ein Dichter. Eigentlich ist er ein Nomade, zumindest im
Sommer. Dann lebt er mit seiner Frau Ajgul, den Söhnen Muratbeck
und Maratbeck, der Tochter Nazgul, dem Ziehkind Sejil, seinem Vetter
Saschenbeck und dessen Familie auf einer Weide. Dschailoo, sagen die
Kirgisen, das klingt schon recht poetisch, und wie sollten sie auch
nicht den lyrischen Gedanken anheimfallen in einem Land, in dem jede
Szene wie aus einem melancholischen Damals-Film geschnitten erscheint?
In dem die Steppe noch so weit ist, wie eine Steppe zu sein hat, die
Pferde wild umherlaufen und die vergorene Stutenmilch einem die Gehirnzellen
aus dem Kopf pustet. Wo immerfort ködelnde Yakherden über
die Weiden ziehen und von Knirpsen betreut werden, denen die Mütze
über die Augen rutscht und die Stiefel um die Füße schlabbern.
Wo bei jedem Hammelschlachten dem Gast die Augen gebühren und jeder
Sesshafte dem Umherziehenden Bettstatt und Brot bietet. Ein Land, in
dem die Berge die himmlischen Berge genannt werden und über den
Son-Kul-See die Sage geht, er sei aus Tränen geboren.
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