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Tango in Tiflis
Eine stromlose Nacht in der Hauptstadt Georgiens

Die Nacht scheint viel zu groß für die Stadt. Wie ein überdimensionales Tuch schlingt sie sich um Tbilisi und hüllt noch den letzten Winkel, die kleinste Ritze ein. Völlig unter Hüllen begraben, liegen die Häuser, die Kirchen, die Bäume, die steilen Straßen. Allein der Dichter Shota Rustaveli hält seine ernsten Züge erhellt in den Nachthimmel: Auf ihn strahlen die Lichter der Mac Donalds Reklame. Mal weiß, mal rot, mal rot und weiß.
Es ist Nacht in Tbilisi. Auf der Flanierstraße Rustaveli, die sich mit all den Neonröhren nicht um die Dunkelheit kümmern muss, kichern Nachtschwärmer, Liebespaare. Hinter ihren Holzständen frieren die Kioskbesitzer, die Verkäuferinnen von Sonnenblumenkernen sitzen zitternd auf ihren Kisten. In einem anderen Leben, vor dem blutigen Bürgerkrieg mit der abtrünnigen Republik Abchasien, in dessen Folge 250.000 Georgier flohen und der größte Teil von ihnen in jedem überdachten Loch der Hauptstadt unterkroch, waren sie vielleicht Lehrer, Ärzte, manche gar Professoren. In Tbilisi kann es einem passieren, dass der Taxifahrer sich im Gespräch als Schriftsteller, Biologe, Nuklearforscher entpuppt. Die Nächte sind dunkel in dieser Stadt, die Tage sind es für viele auch. Die Armen, die Längst-am-Ende-Angekommenen schlurfen in Zeitlupe den Rustaveli entlang, die Hände klagend nach vorne gestreckt, bis die Polizei kommt und sie grob verscheucht.

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