RUSSLAND

Stalins Liebchen
Die Stadt Wolgograd will aus der blutigen Vergangenheit wirtschaftliches Kapital schlagen

Auf dem Schild steht Wolgograd. Am Bahnhof steht Wolgograd. Die Autokennzeichen bedeuten Wolgograd, das größte Hotel der Stadt heißt „Hotel Wolgograd“. Aber es ist Stalingrad. In den Köpfen der Menschen und in der Erinnerung, in jedem Quadratmeter des Bodens, auf jedem Friedhof der Stadt. In der Vergangenheit der Veteranen, selbst in der Zukunft der Kinder. Es sind nicht die Häuser, die Straßen, die Plätze. Es ist der Name. Jener, der dem deutschen Faschismus das Grab schaufelte. Der noch immer für den Triumph des Mutes über das Böse steht. Stalingrad, die Schlacht, der Sieg, das Vaterland, die Heimat, die Tapferkeit - es ist alles eins. Wir weichen nicht, hatte Hitler, hatte Stalin gesagt. „Hinter der Wolga gibt es kein Land“, haben die Befehlshaber gesagt. Dann sind 200.000 Menschen gestorben. Zerschossen, zerfetzt, zermalmt, zertreten auf den Schlachtfeldern. Nicht nur Soldaten. Auch Zivilisten. Frauen und Kinder. Erfroren, verhungert, geschändet. Für Russland, für Stalin, für die Stadt. Die heißt nun Wolgograd. Soll denn alles umsonst gewesen sein?
Stalingrad: Mit ihren weißen Häusern, langen breiten Straßen, galt die Stadt als Musterwohnort der Sowjetunion. Entlang des Wolgaufers wuchsen in üppigen Gärten Weintrauben, Melonen, Tomaten, standen Oleander und Walnussbäume. Am Sonntag, dem 23. August 1942, verwandelte sich alles unter dem Beschuss von 1200 Junkers-88 und Heinkel-111-Bombern sowie eines Stuka-Geschwaders in einen brennenden Alptraum. Unter dem Kommando ihres Generals Wolfram von Richthofen flog die Luftflotte 1660 Angriffe und warf 1000 Tonnen Bomben ab. 40 000 Menschen, die meisten Frauen und Kinder, wurden davon getötet. Als sich die Feuer nach Tagen gelegt hatten, war Stalingrad nur noch eine Ansammlung apokalyptischer Ruinen.
Wolgograd: Graue Häuserblocks am Westufer. Schön ist die Stadt keinesfalls. Selbst, wenn man ihr zugute hält, dass sie nach der Totalzerstörung in Windeseile wieder aufgebaut wurde. Aus dreckigen Schloten steigen bräunliche Dämpfe, auch die Traktorenfabrik, die Zechenanlage, die Chemiegiganten sind braun. Rost läuft an den Außenwänden herab. Der Bahnhof ist hübsch, die Parks sind es und auch die lindengesäumten Alleen. Es gibt Cartier und Yves Rocher, Davidoff, Boss und Vertretungen alle anderen Namen der internationalen Mode- und Schönheitsbranche. Im Herzen der Stadt begegnet man eleganten Frauen, die klappern mit hohen Stillettos stakkatoschnell über die breiten Straßen und zerren dickbäuchige Hunde mit Schleifen im Haar hinter sich her. Männer tragen dicke Goldringe an den Fingern, halten Handys ans Ohr, steigen in teure Autos,
Wolgograd ist groß, aber nicht aufgeregt. Über 70 Kilometer Länge zieht sich die Stadt wie ein amerikanischer Kaugummi am Ufer des Flusses entlang und ist dabei nicht breiter, als ein Mensch in einer Stunde wandern kann. Selbst im Zentrum ist es still. So still, dass man den Regen von den Dachrinnen tropfen und das Rascheln des Laubs unter seinen Füßen hört. Die Wolga ist bei Wolgograd schon müde. Durch viele Staustufen flussaufwärts in ihrem Lauf gebremst, sieht Matjuschka, das Mütterchen, wie eine trübe Suppe aus. Noch vierhundert Kilometer bis zum Kaspischen Meer. Lustlos, als treibe nur alte Gewohnheit sie dazu, lecken die Wellen am einbetonierten Ufer, plätschern nicht, murmeln wehleidig vor sich hin. Seit die Industrie des großen Sowjetreichs im Niedergang begriffen ist und daher weniger Abwässer eingeleitet werden, hat sich wenigstens die Qualität des Wassers gebessert. Im Delta kann man sogar baden, doch in Wolgograd, sagen die Wolgograder, wäre es immer noch besser, den Fluss nur zu betrachten.
Als die deutschen Truppen die Wolga erreichten, wähnten sie sich schon fast am Ziel. Doch die Einnahme von Stalingrad zog sich hin. Das brutale Vorgehen der Faschisten hatten den Widerstand der Stadtbevölkerung und der Roten Armee eher gestärkt, die russische Propaganda tat ihr übriges: „Tötet den Deutschen, so lautet das Gebet Eurer Mutter. Tötet den Deutschen, so lautet der Schrei Eurer russischen Erde. Wankt nicht. Lasst nicht nach. Tötet“, verlangte ein Appell in der Zeitschrift „Roter Stern“. Als sich im September das Wetter verschlechterte und täglich Regen fiel, verloren die Deutschen an Boden.

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