REISEN

Notizen aus Südrussland

Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch

Von Andrea Strunk

Die Schöne - Astrakhan 1. Teil

Wie verwirrend der erste Eindruck von Astrakhan war, belegen die Notizen am Ende eines langen Besichtigungstages: „Venedig in Russland, zehn Inseln, illegale Störfischerei, hinter Bürgerhäusern zusammengeschusterte Holzbauten, manchmal wie ein Tunnel über den Hof gebaut, der Kreml hat sieben Türme und wird renoviert. Bettelnde Zigeunerkinder, kleine Märkte mit viel Fisch, großer Hafen mit rostigen Schiffen. Wo sind die Moscheen? Beginnt hier wirklich der Orient? Wie ist es um die Sauberkeit des Wolgadeltas bestellt? Und wie viel Rubel rollen für ein Kilo Kaviar?“
Von den drei großen Städten der bisherigen Reise ist Astrakhan die schönste. Vielleicht die geheimnisvollste, obwohl ich auch nach langem Suchen keine Moschee gefunden habe. Es soll sie geben, wurde mir in der Stadt mehrfach gesagt, aber dann stellte ich fest, dass kein Astrakhaner etwas mit der vorgelegten Stadtkarte anzufangen wusste, und ließ das Fragen nach dem Weg. Vom Kaspischen Meer bin ich jetzt noch hundert Kilometer entfernt, das wäre noch vor einigen Jahrzehnten anders gewesen. Bis Anfang des vorigen Jahrhunderts reichte das Meer an die Stadt heran.
Astrakhan war bis vor kurzem das Zentrum der russischen Kaviarfischerei. Nun aber ist der Stör fast abgefischt, und damit ist auch mit Kaviar Essig. Demnächst soll der gar nicht mehr ins Ausland verkauft werden dürfen. Was nicht heißt, er wird nicht mehr gefischt. Illegal allemal, weshalb die Astrakhaner die Fischer, die im vielverzweigten Wolgadelta in ärmlichen Dörfern leben, Piraten nennen. Ob ein örtliches Reisebüro, bei dem ich mich nach dem Preis für eine Fahrt ins Wolgadelta erkundigte, deshalb 250 Dollar verlangte, um diesen Piraten Tribut zu zahlen, werde ich nie erfahren. Ich habe abgelehnt.
Astrakhan ist eine hibbelige Stadt. Nicht orientalisch, diese Frage kann nach einigen Tagen definitiv mit einem Nein beantwortet werden. Als angebliche Schwelle zwischen Orient und Okzident, Russland und dem Kaukasus taugt es wenig, auch der gern in Reiseführern propagierte Einfluss des Islams auf die Stadt scheint mir eine Legende zu sein Vielleicht sind es die vielen Studenten, ist es der große Markt in der Hauptstraße, auf dem man Bücher und CDs, Software und Videos für ein paar Rubel kaufen kann. Internetcafés gibt es fast so viele wie Brücken. Derer sind es 30.
Vielleicht schiene mir die Stadt noch schöner, hätte mich nicht ausgerechnet dort die politische Weltsituation wieder eingeholt. Erst stürzt ein Passagierflugzeug ins Schwarze Meer, dann wird über der abtrünnigen georgischen Provinz Abchasien ein UNO-Hubschrauber abgeschossen. Nach Tschetschenien ist es von hier nicht mehr weit, in den Köpfen der Leute sowieso nicht. Tschetschenen, das sind Verbrecher, Terroristen. Auf dieser Reise höre ich den Satz zu oft, um ihn als Aussage einiger Dummköpfe zu sehen. „Die Toten von Grosny? - Alles Terroristen. - Die Frauen, die Kinder? - Jeder Krieg fordert seine Opfer.“ Ich merke, wie mit jeder Diskussion die Wut in mir größer wird.
Wegen der Unfähigkeit der Astrakhaner, den Weg zu erklären, laufe ich die ersten zwei Tage wie ein blödes Huhn durch die Stadt. Das ist nett, denn so lerne ich die Hinterhöfe kennen, die Restaurants, habe sogar Zeit, mir den Kreml anzusehen und eine CD mit Liedern der Wolga an einem Straßenstand zu kaufen. Eine glückliche Entscheidung, denn dort treffe ich Olga, die Englischlehrerin ist, mich versteht, und sogar taugliche Wegbeschreibungen geben kann. Dank Olga lerne ich Viktor kennen, einen der letzten Vertreter der Wolgadeutschen in Astrakhan. Leider spricht Viktor kein Deutsch mehr. Durch ihn finde ich zum Institut für das Kaspische Meer, wo ich erfahre, dass die Wolga im Delta sauber ist. Und dank Nina, die im Institut dolmetscht, gelange ich am nächsten Tag auch ins Wolgadelta, ohne meine letzten Dollar opfern zu müssen. Was der Kaviar pro Kilo kostet, erfahre ich nicht. Ich habe keinen gefunden.


 

 

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