REISEN

Notizen aus Südrussland

Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch

Von Andrea Strunk

Astrakhan Teil 2

Ja, sagt die hübsche junge Dame im Reisebüro in Astrakhan. Ja, nach Baku in Aserbaidschan gäbe es einen Flug von Astrakhan. Am Samstag um 7 Uhr morgens. Flugs schäme ich mich meiner Skepsis gegenüber dem russischen Flugplan und empfinde für einige Minuten wieder tiefe Sympathie für dieses chaotische Land, in dem sich manches dann unverhofft doch noch zum Guten wendet. Na dann, sage ich, her mit dem Ticket, und erkläre mich sogar freundlich bereit, um zwei Uhr am Nachmittag wiederzukommen. Natürlich habe ich Verständnis dafür, dass die Tickets nicht sofort ausgestellt werden können.
Natürlich gibt es um zwei Uhr kein Ticket. Nein, sagt die Dame, keine Passagiere, kein Flug. Nur über Moskau. Nichts gegen Moskau, aber dieser Umweg scheint mir doch etwas unangemessen, der Preis, der Aufwand ein wenig hoch. Aber es gibt ja noch den Zug durch Dagestan, entlang des Kaspischen Meeres. Eine landschaftliche Augenweide, hatte ich mir sagen lassen, allerdings getrübt durch die Überfälle tschetschenischer Rebellen in diesem Gebiet. Gerade vor zwei Wochen hatte jemand die Zugverbindung durch die Bombardierung der Gleise vorübergehend lahmgelegt., Nun gut, Rebellen hin oder her, irgendwie muss ich hier weg.
Ja, sagt die Dame am Bahnhof, am Samstag führe ein Zug nach Baku. Direkt durch, Fahrtzeit 24 Stunden, allerdings gäbe es nur noch wenige Coupes. Na also, denke ich, so gefährlich kann es nicht sein, wenn der Zug voll ist. Für den Ticketkauf, sagt die Dame, müsse ich übrigens an einen anderen Schalter gehen. Nach nur ungefähr einer Stunde bin ich dran. Natürlich weiß ich, dass Geduld eine Tugend ist. Warum aber ausgerechnet bei mir die Untersuchung des Passes nicht enden will, ist mir nicht klar. „Njet“, sagt der Drachen am Schalter, das heißt, er brüllt es mehr. Nein, kein Ticket für mich. Kein Ticket, frage ich empört? Man habe mir doch gerade gesagt, es gäbe noch Plätze. Wieder nur „njet“, wieder und wieder, bis der Ton auf beiden Seiten so laut ist, dass alle Anwesenden in der Schalterhalle sich glücklich um uns scharen. Ich könne reisen, wohin ich wolle, aber nicht nach Aserbaidschan, lautet schließlich die Erklärung. Ich gestehe, ich bin ein wenig ungeduscht, auch haben die Wanzen im Hotelbett Bissspuren hinterlassen. Aber kann das ein Grund sein? Ich verlange eine Erklärung. Nach Austausch einiger Unflätigkeiten ruft die Dame am Schalter das Innenministerium an. Nun wird alles klar. Die Grenze zwischen Russland und Aserbaijan, wird mit in aller Freundlichkeit erläutert, sei aufgrund der jüngsten Ereignisse in den USA für Europäer und Mitglieder der baltischen Staaten gesperrt. Zwar geht mir die Logik nicht ein – bilden denn Europäer und die Mitglieder baltischer Staaten ein Terroristenkomplott? - , die Endgültigkeit des Bescheids aber wohl. Unter dem anteilnehmenden Kopfnicken der Umstehenden und dem triumphierenden Grinsen der Schaltermatrone schleiche ich geknickt davon. Nicht einmal die Auskunft des Innenministeriums, dies sei eine vorübergehende Maßnahme und werde in ungefähr zwei Wochen wieder zurückgenommen, ist ein Trost.
Aber ja, sagt die Dame im Reisebüro, es gäbe einen Flug nach Moskau am Samstag und von dort einen bequemen Anschluss nach Baku. Nur könne sie gerade nicht die Tickets ausdrucken, erst in einigen Stunden, dann aber sei Feierabend, ob ich nicht vielleicht morgen... ?Ich nicke ergeben mit dem Kopf. Vielleicht sollte ich anfangen, die Immobilienanzeigen zu studieren. Ich könnte bei der Kremlrenovierungsbrigade als Streicherin anheuern, ich könnte mich am Kaviarschmuggel beteiligen. Ich könnte jeden Sommer auf der Wolga fahren. Wer weiß, nach einigen Jahren würde es mir gar gelingen, das Lied der Wolgaschiffer zu singen, ohne mich im Ton zu vergreifen: „Wolga, Wolga, unsere Mutter, ach Du breiter, langer Strom, Hast uns durchgewalkt, gebeutelt, unsre Kräfte sind verzehrt.“ Meine können an diesem Tag nur noch durch Wodka wieder aufgefrischt werden. Na Sdarowje.

 

Schreiben Sie uns !

 

 

REISEN

Südrussland

Astrakhan 2


HOME

PERSON

PROJEKTE

REISEN

HINTERGRUND

REFERENZEN

LINKS

IMPRESSUM

KONTAKT