REISEN

Notizen aus Südrussland

Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch

Von Andrea Strunk

Die Sorgenden - Baku 1.Teil

Mindestens fünfzig Prozent der aserbaidschanischen Popmusik beschreibt die Schönheit dieses Landes. Aserbaidschan, Aserbaidschan, jault es einem unentwegt aus Lautsprechern entgegen. Ich stimme zu. Schon bevor ich das Land gesehen habe, ja, schon am Flughafen von Baku, trotz der Schleife, die der Pilot über schiefe Bohrtürme und rostige Industrieanlagen flog, trotz der Tatsache, dass auf dem Flughafen alle Klos verstopft waren, stimme ich zu. Aserbaidschan ist schön. Nie hat mir Freundlichkeit so das Herz gewärmt wie in jener Stunde, als ich meine Füße auf kaukasischen Boden setzte. Müde und pleite – die letzten Dollar, die ich besaß, hatte man mir auf dem Flughafen von Astrakhan abgenommen, weil mein Gepäck angeblich Übergewicht hatte – zumal mit einem abgelaufenen Visum, stolperte ich auf die Passkontrolle zu, als das Wunder geschah: Ein freundlicher Beamter nahm sich meiner an, brachte mich zum Visumsschalter, half mir beim Ausfüllen der Formulare und sagte: Willkommen in Aserbaidschan. Nach dem ruppigen Ton der Russen klang das wie ein Trostlied in meinen Ohren. Und: Ja, sagte der Taxifahrer, man könne bei den Banken mit Kreditkarten Geld abheben. Ich war gerettet.
Natürlich ist mir die politische Situation in Aserbaidschan nicht egal. Dass Präsident Heidar Alijew alles andere als demokratisch regiert, viele Journalisten und Kritiker in den Gefängnissen sitzen, der Konflikt um Berg-Karabach noch lange nicht bereinigt ist, ja, die Aseris notfalls einen weiteren Krieg in Kauf nehmen würden, um „ihr“ Land zurückzuerhalten, all das sollte erzählt werden. Korruption, Einschüchterung, Unterdrückung – das ist auch Aserbaidschan. Nie habe ich so viele Polizisten gesehen wie in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku, selten soviel Armut wie in den Bergdörfern im Norden des Landes, wo auch die Flüchtlinge aus Karabach noch immer in notdürftig zusammengezimmerten Hütten aus Holz, Plastik, Wellblech und Müll leben. Sie zu integrieren, hieße, den Verlust Karabachs anzuerkennen, sie in erbärmlichen Bedingungen leben zu lassen, wird als Motivation betrachtet, Karabach nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. „Alle Aseris sind Terroristen.“ Mehr als einmal hatte ich diesen Satz in Russland gehört, da half auch kein vernünftiges Wort, kein Abwiegelungsversuch. Natürlich ist das Quatsch. Dass es terroristische Gruppierungen im Land gibt, stimmt aber auch.
Muljew- keine- Ahnung- wie- weiter, ist zunächst Gastwirt. Einer der wenigen, die an der Promenade am Kaspischen Meer bleiben durften, nachdem der neugewählte Bürgermeister von Baku alle illegalen Teestuben und Garküchen entfernen ließ. Schade um die Promenade, denn nun ist sie so orientalisch und lebhaft, wie die von Niendorf an der Ostsee. Muljew hat die Lizenz zum Teeausschank und ist darüber hinaus Experte für die aserbaidschanische Teppichknüpfkunst. Das klingt schön, bedeutet übersetzt: Er verhökert Teppiche an Touristen. Altersweisheit zeigte ihm schnell, dass mein Nein ein Nein ist. Den Rest des Abends widmete er sich daher seinen Gastwirtspflichten. Zunächst scheucht er seine Jungs, den Tisch in Spitze zu hüllen. Wachstuchspitze zwar, aber immerhin. Dann lässt er ungebeten auffahren, was die aserische Küche hergibt, zupft hier am Tischtuch, verrückt dort ein Schüsselchen, legt eine nasse Serviette in den Aschenbecher, bringt zum Tee Kirschmarmelade und reicht Zitronenwasser zum Händereinigen.
Ich fürchte, all dieser Service schlug sich am Ende auf die Rechnung nieder, bis die kam war ich allerdings von warmer Gastfreundschaft und Muljews sorgendem Gesichtsausdruck so eingelullt, dass ich den Preis nicht mehr wahrnahm. Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen galt der Schönheit Aserbaidschans und der Freundlichkeit seiner Menschen.

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