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REISEN
Notizen
aus Südrussland
Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch
Von Andrea Strunk
Der Spieler - Baku 2.Teil
Telman Salmanow treffe ich in der Hotel-Lobby des einstigen Intourist-Hotels
„Aserbaijan“. Der verzweifelte Hotelportier hatte ihn geholt,
nachdem es mir nicht gelungen war, mein Anliegen auf russisch zu äußern.
„Sehr erfreut, sehr erfreut“, murmelt Telman, dessen Zwillingsbruder,
wie ich bald erfuhr, Elman heißt. Ein gelungener Scherz meiner
Eltern, sagt Telman. „Sehr erfreut“ oder „es ist mir
ein Vergnügen“ sagt er an dieser Stelle nicht, fügt
es aber den meisten anderen Sätzen hinzu. Ob ich ihm das Vergnügen
mache, einen Kaffee mit ihm zu trinken,? Ich habe sowieso nichts vor,
weil es draußen Bindfäden regnet, selbst vom Kaspischen Meer
nichts mehr zu sehen ist und Baku seinem Namen als „Stadt der
Winde“ alle Ehre macht. Telman trinkt Tee, raucht dazu lange Zigaretten,
tupft sich stets mit einem Herrentaschentuch die Mundwinkel und unterweist
mich innerhalb von zwei Stunden in der aserischen Geschichte, Kultur
und Seelenverfassung. Zudem erfahre ich endlich, was Goethe im „Westöstlichen
Diwan“ geschrieben hat.
Beim Thema Politik hält Telman sich zunächst zurück.
Nein, haucht er, das drücke ihn zu sehr nieder. Erst das Stichwort
Karabach – schnell habe ich gelernt, dass dieses Wort in Aserbaidschan
Stumme zum Reden bringt – lockt seinen Ekel über eine Welt,
die von schöngeistiger Reinheit weit entfernt ist, hervor. „Ich
hasse diese Politiker, die Krieg wollen. Ich hasse dieses Land, in dem
alle lügen und betrügen.“
Früher hat Telman Salmanow Touristengruppen geführt, die im
Intourist abgestiegen sind. Seit einigen Monaten ist er arbeitslos.
Seine Frau, eine Englischlehrerin, bringt die Familie durch. Natürlich
möchte Telman gerne nach Deutschland. Nur wie, das weiß er
nicht. Den Kaffee und den Tee darf ich übrigens nicht bezahlen.
Er bitte darum, den Regeln der aserischen Gastfreundschaft genügen
zu dürfen, sagt Telman. „Meinen Stolz habe ich noch immer.“
Am Abend gibt es eine weitere Begegnung mit einem, dem sein Beruf abhanden
kam. Ayaz, der auf der Sass, einem traditionellen türkischen Instrument
spielen und aus seinen kaukasischen Hosen wie durch Zauberei weitere
Instrumente hervorholen kann. Ayaz, der so laut auf seinem Instrument
zupft, dass der Kellner ihn zur Ruhe mahnt und jüngere Gäste
genervt die Kneipe verlassen. Vielleicht ist Ayaz Musik dem aserischen
Ohr so unerträglich wie dem meinigen der Musikantenstadl. Den angebotenen
Wodka lehnt er ab, nach dem angeblichen Mineralwasser, das der Kellner
ihm bringt, ist es dennoch seltsamerweise mit der Nüchternheit
vorbei. Ayaz ist, so erfahre ich nun endlich, im wahren Beruf Toxikologe.
Mag sein, dass ihn seine wissenschaftliche Laufbahn nicht, wie er behauptet,
nach London, Rom, Paris, New York und Tokio gebracht hat. Dass er es
einmal besser hatte, bezweifle ich nicht.
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