| |
REISEN
Notizen
aus Südrussland
Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch
Von Andrea Strunk
Der Krieg - Baku 3.Teil
Ich vermute, das Hotel Aserbaijan beherbergt entweder Schmuggler oder
Schlimmeres. Seit drei Tagen bin ich jetzt hier und immer noch scheint
es mir, als erwarte das Personal jederzeit, dass ich große Schwierigkeiten
bereite. Ich bin hier nicht willkommen, das spüre ich deutlich.
Latsche ich zur Tür herein, springen die Jungs an der Rezeption
auf und mustern mich eindringlich. Mein freundliches „Guten Abend“
stößt auf Schweigen. Vielleicht hätte ich sie nicht
fragen sollen, was sie vom Krieg in Afghanistan halten? Oder ein Gesicht
ziehen sollen, als ich erfuhr, dass die Hotelbar geschlossen ist? Oder
Herrenbesuch in meinem Zimmer empfangen? Die Ehrbarkeit dieses Treffens
wurde übrigens von der Etagendame überwacht. Ohne Anklopfen
stürmte sie dreimal ins Zimmer und offerierte zunächst Tee,
dann Wodka.
Ich vermute, die europäische Terroristen-Hysterie hat mich eingeholt.
Jetzt, am Ende der Reise, erschöpft von zuwenig Schlaf und zu vielen
Eindrücken, macht sich ein Hauch von Verfolgungswahn breit, der,
das ist das Schlimme, durch keine Tatsachen Nahrung erhält. Noch
immer zeigt sich Baku von seiner freundlichsten Seite, erstaunt mich
die Schönheit der Stadt. In die Moschee, die der aserisch-türkischen
Freundschaft gewidmet ist, bat man mich gestern herein. Sogar in den
Dörfern des Kleinen Kaukasus, wo die Leute angeblich wild sein
sollen, war das einzig Bedrückende die Armut. In einer Schule fragten
dünne, aber äußerst wohlerzogene Kinder, ob ich eine
Patenschaft mit einer deutschen Schule vermitteln könne, in einem
Dorf lud mich eine Frau, deren Mann im Gefängnis sitzt, in ihr
Haus ein. Trotzdem: Seit zwei Nächten bombardieren die Amerikaner
Afghanistan, und im Schlepptau dieses Krieges lodern andere Konflikte
wieder auf. Besorgt blickt man in Aserbaidschan auf das Nachbarland
Iran. Jetzt, wo die Amerikaner dessen Hilfe brauchen, fürchtet
man um die Rechte der zwei Millionen dort lebenden Aseris. Aus Georgien
kommen Nachrichten neuer Kämpfe um Abchasien. Die Familie in Deutschland
wird plötzlich auch nervös. Und ich sehe Seltsamkeiten, wo
keine sind.
Der Flug von Baku nach Deutschland geht mitten in der Nacht. Der Flughafen
ist leer. Ein Schwede mit einem Bart bis zum Bauchnabel und eine Gruppe
jüngerer Männer besetzen das Flughafencafe. Der Schwede gehört
offenbar einer Hilfsorganisation an und kommt aus Afghanistan, später
sehe ich ihn auf dem Frankfurter Flughafen wieder, wo sich die Menschen
verwundert nach ihm umdrehen und er kopfschüttelnd vor den Werbetafeln
der Konsumsucht steht.
Hatte ich verschärfte Kontrollen erwartet? Als der Metalldetektor
piept, werde ich lediglich gebeten, meine Manteltaschen zu leeren. Pünktlich
heben wir ab, fliegen wieder einen Bogen über das Kaspische Meer.
Einige Bohrtürme sind erleuchtet und sehen aus, wie Glühwürmchen.
Baku ist ein Lichtermeer und irgendwo mittendrin schlafen oder wachen
ein paar Leute, die ich noch oft wiedersehen möchte. Vielleicht
hilft der Trinkspruch, der auf dieser Reise am häufigsten ausgebracht
wurde: „Auf den Frieden.“ Inschallah.
Schreiben Sie uns
!
|
|