REISEN

Notizen aus Südrussland

Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch

Von Andrea Strunk

Der Dieb - Elista 1. Teil


Elistas wahrnehmbarstes und größtes Problem ist nicht die Korruption, nicht die Wirtschaft und vielleicht nicht einmal, dass mangels Strom die Stadt am Abend immer mal wieder in Dunkelheit fällt. Elistas offensichtlichstes Problem ist der Kanaldeckelklau. Wer ihn betreibt und warum, ist ein Rätsel, dessen Lösung vielleicht die russische Geheimpolizei weiß, dem Reisenden nach Kalmückien und in seine Hauptstadt indes bleibt das Geheimnis verschlossen. Nicht dagegen, was der Kalmücke so durch die Kanalisation spült. Manchmal hat ein vielleicht vom unästhetischen Anblick genervter Anwohner eines der riesigen Kanallöcher in der Straße mittels anderer Gegenstände – verrostete Autotüren, rissige Bretter - verschlossen. In allen anderen Löchern wird einem wenig erspart.
Elista ist nicht unbedingt schön, wie überhaupt Kalmückien, Russlands halbautonome Provinz dort, wo man den Kaukasus schon fast riechen kann, kein Ort der Erfüllung touristischer Sehnsüchte ist. Von Wolgograd kommend, fort von den Ufern des Flusses, grüßen den Reisenden an der Staatsgrenze ein paar bemalte Häuschen und eine handvoll winziger Stände mit Obst, Gemüse, Zigaretten. Samoware dampfen Gemütlichkeit. Dann rollt die Straße mehr als 300 Kilometer über bescheidene Hügel, durch bare Steppenlandschaft, in der die einzigen Zeichen menschlichen Lebens in die Weite gestreute Häuser mit rostigem Wellblechdach und Tankstellen sind. Dazwischen gibt es Symbole sowjetischer Unbesiegbarkeit und kalmückischer Tradition: eine auf einen Sockel gehobene Stalinorgel, Hammer und Sichel, eine mystisch scheinende Kuh. Elista ist bereits von sehr weit her zu sehen.
Selbst Russen, so behauptet man in Kalmückien, hätten keine Ahnung wo Kalmückien läge. Eine Beleidigung, wie man in dem Land findet, denn schließlich ist Kalmückiens Präsident, Kirsan Ilumzhinov, der Vorsitzende von FIDE, des Internationalen Schachverbandes, und ist es der einzige Staat der russischen Föderation, dessen Bewohner buddhistischen Glaubens sind. Zudem waren es die Kalmücken, die sich zwischen Russland und die Wilden aus dem Kaukasus stellten, als die Russen im 17. Jahrhundert einen Puffer brauchten. Grund genug, mag man meinen, Kalmückien ernst zu nehmen.
Kalmückien ist ein Name, mit dem sich Scherze treiben lassen. Stechtiere kommen einem in den Sinn und sicherlich ist die Steppe in den Sommermonaten voll von ihnen. Kalmück ist ein Wort aus der mongolischen Sprache und bedeutet: die sich getrennt haben. Wovon, darüber streiten die Historiker. Die einen behaupten, von ihren Vorfahren, die auf den Weiden zwischen Altai und Tien Shan nomadisierten. Die anderen sagen, die Trennung erfolgte im Jahre 1773, als einige Stämme von der repressiven Politik gegenüber den Minderheiten die Schnauze so voll hatten, dass sie es bevorzugten, gen China zu gehen. Jene die blieben, weil angeblich das Eis der Wolgas schmolz und sie nicht mehr hinterherkamen, begründeten den heutigen Stamm der Kalmücken.Viele Historiker, die sich mit Kalmückien beschäftigen, gibt es übrigens nicht.
Was also ist von einer Hauptstadt zu erwarten, die in einer Steppensenke liegt, das Zentrum der Schachwelt sein soll, und - in einem Land, in dem Zwiebeltürme das Bild der Städte bestimmen - in den Bau neuer buddhistischer Tempel investiert. Elista heißt sandig. Davon ist im Herbst nichts zu spüren. Grau senkt sich der Himmel, grau stehen die Häuser. Links und rechts, vorne und hinten, fällt man aus der Stadt hinaus direkt in die Steppe.
Bunte Flecken im Stadtbild bilden lediglich die Vorbauten vor den Häuserblocks, die im Stil tibetischer Pagoden errichtet sind. Bunt sind auch die Poster an den Laternenpfählen, die den jugendlich milchgesichtigen Präsidenten bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen zeigen. Nein, nicht Schachspielen, Händeschütteln. Die des Papstes, die des Dalai Lamas, die des Oberhauptes der russisch orthodoxen Kirche. Vielleicht kann ja Joschka Fischer demnächst mal vorbeikommen.

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