REISEN

Notizen aus Südrussland

Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch

Von Andrea Strunk

Der Sänger –Elista 2. Teil

Irgendwo im Reich der Illusion, weit hinter der kalmückischen Steppe, jenseits des grauen Einerlei der kalmückischen Hauptstadt Elista liegt ein Land der Wunder und des Glücks. Bumpa wird es genannt, und man sagt, dort gäbe es kein Alter, kein Schmerz, keine Hässlichkeiten. Ein Land der ewigen Jugend und Schönheit, mit Weiden so groß, man kann ihr Ende nicht sehen, voller Kühe und Schafe und Gras so grün und saftig, wie im Garten Eden.
In Kalmückien ist diese Geschichte nicht irgendeine. Es gibt viele Legenden, die sich um Drachen und Götter, unglücklich verliebte Prinzessinnen und mutige Krieger drehen. Die Legende von bumpa aber ist die literarische Identität dieses kleinen Landes, das, eingequetscht zwischen dem riesigen Russland und dem wilden Kaukasus, immer kämpfen musste, um seine Identität zu erhalten. Danghar, so der Name des Epos, ist angeblich 5600 Jahre alt. Aber so genau weiß das niemand und vielleicht ist diese Zahl auch nur entstanden, um der Konkurrenz des kirgisischen Manas einige Jahre voraus zu haben. Es sei, sagt Irina Uscheeva, die Leiterin des Museum für die Geschichte der Kalmücken in Elista, eines der ältesten Epen der Welt.
Irina ist so kompetent in allen Fragen zur Geschichte der Kalmücken, dass man ihr ruhig Glauben schenken kann. Namen, Jahreszahlen gehen ihr leicht von den Lippen. Manche Wahrheiten dagegen nicht. So ist trotz aller insistierenden Fragen aus ihr nicht herauszuholen, dass Stalin sehr wohl Gründe dafür hatte, die Kalmücken der Kollaboration mit den Deutschen zu bezichtigen. Ebenso ungern lässt sich Irina auf Fragen der aktuellen Politik ein. Kalmückien sei eine Demokratie, sagt sie. Keine weiteren Fragen, bitte.
Zum Danghar indes weiß sie viel. Erst in jüngerer Zeit, also nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, hätten sich Linguisten daran gemacht, die Verse aufzuschreiben. Bis dahin habe es nur mündliche Überlieferungen gegeben, die in jedem Dorf von einem bestimmten Sänger weitergegeben wurden. Tief aus der Kehle, wie der Ton einer Tuba musste der Ton kommen, und das konnte schon in den vergangenen Zeiten nur wenige.
Heute kann man die Sänger des Danghar an einer Hand abzählen, sagt Irina, die Jahre, die Danghar in der Überlieferung der Kalmücken noch überleben wird, vielleicht auch. Gerade zehn von einigen hundert Versen sind schriftlich niedergelegt worden. Und auch diese können nicht mehr allgemeines Volksgut sein, denn kaum ein Kalmücke spricht noch kalmückisch. Wie das? Das sei Stalins Schuld, sagt Irina – und nur so kamen wir auf die Kollaboration -,
der habe die 120 000 Kalmücken 1943 in Viehwaggons nach Sibirien bringen lassen.
Nur 60 000 kamen an, rund 40 000 überlebten den ersten Winter. Eine Anzahl, die zu klein ist, um im riesigen Sibirien daraus Gruppen formen zu können. Und so lebten die Kalmücken dann dreißig Jahre lang unter Russen, bis sie sich schließlich ihrer Sprache und ihres Heimatlandes kaum noch erinnerten.
Und heute?
Heute, sagt Irina, gäbe es Versuche, die Sprache wieder einzuführen. Zum Beispiel als Schulfach. Auf höchste Anordnung des Präsidenten. Ob denn der kalmückisch spricht, will ich wissen. Nun, meint Irina verlegen, zumindest spräche er kalmückisch nicht zu seinem Volk. Das nämlich würde ihn dann ja nicht verstehen. Ich beschließe, dass die Tragik Kalmückiens doch eine andere als die der fehlenden Gullideckel ist.

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