REISEN

Notizen aus Südrussland

Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch

Von Andrea Strunk

Das Spiel –Elista 3. Teil


Elista ist im Fußballfieber. Am Abend soll der kalmückische Top-Verein Ulalan gegen den Konkurrenten aus Yaroslavl spielen. Yaroslavl liegt einige hundert Kilometer weiter aufwärts an der Wolga. Schon am Vortag ist das Gegenteam eingetroffen und hat sich mit den Spielern von Elistas Ulalan auf dem Rasen zum gemeinsamen Training getroffen. Am Vortag fiel Regen, und aus der Steppe wehte kühl der Wind. Heute aber, am Tag der Tage, ist der Spätsommer zurückgekehrt. Zur Freude der Spieler.
Die versammeln sich am frühen Morgen in ihrem eigenen Restaurant zum Frühstück. Auch der Schiedsrichter sitzt dabei. Ob das nicht Beeinflussung sei? Ach, woher denn, sagt der Pressesprecher von Ulalan, erst einmal solle die UEFA ihre Diskriminierungen gegen die russischen Teams einstellen, dann könne man sich über fairen Fußball unterhalten.
Am Nachmittag wird der Präsident gemeinsam mit dem Gouverneur von Yaroslavl erwartet. Zwei Stunden vor Spielbeginn rauscht ein Bentley von Polizeiwagen flankiert durch die Stadt. Bald darauf bilden sich lange Schlangen an den Bushaltestellen.
Wer jetzt Piroschki zu verkaufen hat, macht gute Geschäfte. Auch die alten Frauen, die sonst lange geduldig auf einem kleinen Klappstuhl hocken, bis sich jemand ihrer Sonnenblumenkerne erbarmt, finden heute so guten Absatz für ihre Ware, dass sie kaum mit dem Drehen der Tüten aus Zeitungspapier hinterherkommen. Man ist nicht in Russland gewesen, wenn man die Kerne nicht kennt, hatte mir ein Freund gesagt. Die Anfänge sind schwer. Ehe ich herausfinde, wie man die Kerne so auf der Zunge dreht, dass man die Schale in ihrer Längsachse mit den Vorderzähnen teilen kann, habe ich ziemlich viel Schale geschluckt. Aber dann geht es ganz einfach, nicken mir die Kalmücken anerkennend zu, wenn ich die Spelzen mit einem scharfen „Pfff“ durch die Gegend spucke. Frauen sind übrigens fast keine unter den Zuschauern.
An den von Polizisten bewachten Eingängen kommt ohne Karte niemand vorbei. Auch der Bentley des Präsidenten steht schon da. Wer keine Karte hat, kämpft um die besten Sichtplätze oberhalb des Stadions.
Das Spiel beginnt pünktlich. Die Präsidentenloge ist mit weißen Plastikstühlen bestückt, nur der Präsident sitzt auf einem Holzstuhl mit hoher Rückenlehne, der an einen Thron erinnert. Zu recht, schließlich bezahlt er den Verein aus seiner eigenen Tasche. Oder aus der seiner treuen Untertanen, so recht weiß das niemand, denn Kirsan lässt sich ungern in die politischen Karten schauen. Aus der Nähe ist er bei weitem nicht so milchgesichtig wie auf den Postern.
Gleich in der ersten Halbzeit vergeigt Elista drei Torchancen. Schon nach zehn Minuten ist das Spiel zerfasert. Das Publikum lässt sich davon in seiner Begeisterung für den Heimatverein nicht abbringen, nur das „Pfff“ der Spelzenspucker wird gelegentlich schärfer. Mit lauten „Ulalan, Ulalan“ und „Dawai, Dawai“ -Vorwärts, vorwärts - Rufen treiben sie die Spieler an. Neben mir sitzt ein für das Spiel angereister Moskowiter, der mein Trommelfell durch markerschütternde Schreie in Moll betäubt. Wie bestellt geht zur zweiten Halbzeit über der fernen Steppe der Mond auf und hängt fett am Himmel herum. Kirsan scherzt mit dem Gouverneur aus Yaroslavl. Wenn Ulalan aufs gegnerische Tor strebt, stimmt er in das Gebrüll der anderen mit ein. Geht der Ball daneben, bemüht er sich, freundlich zu lachen. Das Spiel endet ohne Tore. Betrübt darüber, kaufe ich mir auf dem Weg aus dem Stadium noch einen warmen Piroschki. Ich habe Pech. Statt der von mir bevorzugten Fleischfüllung, quillt Kartoffelbrei aus dem Inneren. Später am Abend reise ich weiter. Haus um Haus fällt hinter mir zurück, bis der Blick nach vorne sich im Dunkel verliert, nur in der Ferne noch gleich Irrlichtern Schein aus Fenstern fällt. Vier Stunden bis Astrachan. Der Himmel trägt Sternenkleider. Wie ein geheimnisvoller milchiger Fluss gießt sich Mondlicht über die Steppe.

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