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REISEN
Notizen
aus Südrussland
Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch
Von Andrea Strunk
Der Phönix - Wolgograd 1. Teil
Der erste Eindruck von Wolgograd lässt vermuten, in Afrika zu sein.
Dafür kann die Stadt nichts, wohl aber ihr Flughafen, der mehr
eine Freilufteinrichtung als ein Ankunftsort ist. Vom Flugzeug geht
man über das Rollfeld, dann durch eine brüchige Holztür
und steht schon draußen. Mitten zwischen Männern, die einem
ein Taxi, Getränke oder Hotels aufnötigen wollen. Glücklich,
wer den Weg in einen Schuppen findet, in dem er sein Gepäck abholen
kann.
Siebenhundert Kilometer von Moskau, vierhundert vom Kaspischen Meer
entfernt, liegt Wolgograd im unteren Drittel der Wolga. Die fließt
dort schon nicht mehr ganz so breit, eher bedächtig, als wüsste
das Wasser, das Ziel ist bald erreicht. Einst gehörte das Gebiet
zwischen dem im Norden gelegenen Kasan und dem südlichen Astrakhan
der berüchtigten „Goldenen Horde“ und wurde erst im
14. Jahrhundert russisch. Die Tataren und Donkosaken kümmerte das
wenig. Sie fielen weiterhin über die Stadt her.
Wolgograds Grenzen sind vom Flughafen kommend schnell erreicht. Bis
ins Zentrum der Stadt dauert es dennoch eine Stunde. Das liegt nicht
am Verkehr, sondern an der architektonischen Struktur: Wolgograd ist
lediglich 4 Kilometer breit, aber 75 Kilometer lang.
Es gibt schönere Städte an der Wolga. Doch keine, die so oft
der Asche entstiegen, wie Wolgograd, keine, die ihre Narben so offensichtlich
zur Schau stellt. Und kaum eine, die nach dem Zerfall der Sowjetunion
so tief hinabstieg, vom Stolz der Nation, vom Träger vieler Vaterlandsmedaillen
und vom einstigen wichtigen Handelszentrum und Kern der Hüttenindustrie
zu, ja, zu was? Wer durch Russland reist, vergisst manchmal, vor lauter
Hässlichkeit das Schöne zu sehen. Das ist unfair. Dennoch
ist Wolgograd eine traurige Stadt, in der die Gebäude der einstigen
Wirtschaftskraft der Stadt vor sich hin rotten und hässliche, braune
Flecken hinterlassen.
Mit Wolgograd verbindet mich außer Schulwissen nichts. Ich weiß
lediglich, dass die Stadt Stalingrad hieß, dort eine der schrecklichsten
Schlachten des 2. Weltkrieges stattfand. Persönlich ist mir das
schnurz. Mein Großvater war auf der Krim, nur ein entfernter Onkel
ist bis Stalingrad vorgedrungen und dort gefallen. Ich bin gekommen,
weil ich an die Wolga möchte, das wäre auch an vielen anderen
Orten gegangen, doch nur in Wolgograd bestand so spät im Jahr die
Chance, noch ein Schiff in Richtung Kaspisches Meer zu erwischen.
Was für ein Narr ich bin, die Erkenntnis lässt nicht lange
auf sich warten. Dass Wolgograd bald wieder Stalingrad heißen
soll, ist das erste, was man mir im Hotel mit dem Namen der Stadt erzählt.
Das Hotel „Volgograd“ ist die beste Adresse am Ort, hat
einen Speisesaal, der die Kulisse einer Tolstoij-Verfilmung abgeben
könnte und jeden Nachmittag um 17 Uhr wird im zweiten Stock Klassik
gespielt. Von Hand und live.
Meine Zimmerreservierung ist angeblich nie angelangt, nun offeriert
man mir die Luxussuite, die ich keinesfalls beziehen möchte. Die
Verhandlungen ziehen sich hin, immer neue Personen kommen hinzu. Zeit
genug also, ein wenig über die Stadt und ihre Gegenwart zu plaudern.
Das mit Stalingrad, also mit dem Namen, finde ich schrecklich, sage
ich. Die Empfangsdame sieht das anders. Es sei doch ein großer
Name für eine großartige Stadt, in der große Taten
begangen wurden.
Es ist schon dunkel, als ich mich auf den Weg zur Stadtbesichtigung
mache. Endlich ans Wolgaufer. Dem Fahrplan am Hafen entnehme ich, dass
die Schifffahrt seit dem 30. September auch hier eingestellt ist. Das
ist eine herbe Enttäuschung. An die Uferbrüstung gelehnt,
schimpfe ich vor mich hin, der Fluss murmelt beschwichtigend zurück.
Der stille Dialog endet in ohrenbetäubender Musik.
Mag die Dampfersaison vorbei sein, die Vergnügungszeit ist es nicht.
Der Abend ist warm und die Jugend von Wolgograd hottet am Ufer ab. Ich
folge dem Geruch von Schaschlik, der mich in ein Bierzelt führt.
Mit vollem Körpereinsatz recken und räkeln sich die Mädchen
zwischen den billigen Plastikstühlen, die jungen Männer krallen
sich an ihren Biergläsern fest. Neben der Uferpromenade leuchten
die riesigen Kandelaber auf der Treppe, die vom Leninplatz zur Wolga
führt. Liebespaare küssen dort, über allem schwebt Lenin
hoch oben an einer Hausfassade. Um 23 Uhr ist der Spaß vorbei.
Da ich die einschlägigen Hinterhofkneipen der Stadt nicht kennt,
gehe ich zurück ins Hotel. Dort hat die Bar schon zu, nur im Speisesaal
klimpert ein einsamer Klavierspieler. Ich gehe ins Bett und lese nach,
wie denn nun die Schlacht von Stalingrad war.
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