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REISEN
Notizen
aus Südrussland
Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch
Von Andrea Strunk
Die Mutter - Wolgograd 2. Teil
Die Mutter ruft. Mit Ungeduld und Entschlossenheit
winkt sie mit der linken Hand ihre Kinder herbei. Die Rechte weist mit
dem Schwert die Richtung. Vorwärts, dem Feind in die Arme, dem
Tod entgegen. Für Vaterland und Ehre.
Die Mutter ist die größte Statue der Welt. Größer
noch als die Freiheitsstatue. Größer, viel größer,
als jede Lenin-Statue in Russlands Dörfern und Städten. Und
die Lenin-Denkmäler sind schon groß. Vom Sockel bis zur Spitze
ihres Schwertes misst sie 72 Meter und wiegt 8000 Tonnen. Weithin sichtbar
ist sie, wie sie furienhaft steht auf einer künstlichen Aufschüttung
des Mamaev Kurgan, jenem Hügel, von dem behauptet wird, im Frühjahr
1943 sei das von ihm herabgeflossene Schmelzwasser rot vom Blut der
toten Soldaten gewesen. Am Weihnachtsfest des Jahres davor hatten die
deutschen Soldaten von der Kuppe des Hügels hinab noch „O
Tannenbaum, O Tannenbaum! gesungen. Zwei Monate später waren 60
000 von ihnen tot, auf sowjetischer Seite waren die Verluste noch viel
größer.
Die Schlacht am Mamaewhügel war mehr als eine Wende im Kriegsglück.
Für die Bewohner der Stadt war es die Apokalypse, aus deren Asche
sie irgendwie auferstehen mussten. Alles hatte aufgehört zu sein
und sollte nun von Neuem werden. Das Grauen ließ sich nur ertragen,
indem man ihm einen Sinn gab, die Schreie, das Blut, den Wahnsinn reinwusch
und zu Weihevollerem erhob. Bereits in den letzten Kriegstagen war der
Plan für einen Park der Mahnmale entstanden.
Die Mutter an der höchsten Stelle des Hügels ist die Krönung
eines Mahnmal-Spazierganges. Die steinerne Ehrung der Helden des Vaterlandes
erstreckt sich über 220 Hektar. Am Fuße des Hügels sind
links und rechts des Hauptweges die Friedhöfe: Einer für diejenigen,
die ihr Leben in besonderem Einsatz opferten. Und einer für diejenigen,
die einfach abgeknallt wurden. Auf zwei siebzehn Meter hohen Granitblöcken
sind Szenen der Schlacht dargestellt: Muskelprotze tragen Kameraden
vom Feld, Muskelprotze stürzen sich in den Kampf, Muskelprotze
hauchen den letzten Atem aus. Die Gigantomanie ist schon dort zum Fürchten,
doch es kommt noch dicker. Jeder Einheit der russischen Armee hat der
Bildhauer eine eigene Statue gewidmet, deren Proportionen zu sehr an
die „Ästhetik“ des 3. Reiches erinnern, um zu rühren.
Den Hügel weiter hinauf - gut eine Dreiviertelstunde ist der Mahnmal-Besucher
nun unterwegs - liegt die Halle des Ruhmes: ein Pantheon aus Beton,
in dessen Inneren eine steinerne Hand die ewige Flamme hält. Auf
Fahnen an den Wänden stehen stellvertretend für die eine Million
Toten siebentausend Namen. Sollte man es Ironie nennen, dass ausgerechnet
Schumanns Träumereien dem Ort eine gänsehauterzeugende Elegie
verleihen?
Oben bei der Mutter wehen die kalten Winde. Weit unten liegt grau in
grau die Stadt. Aus der Nähe sieht die Mutter aus, wie ein Mann.
Ob heiliger Zorn oder irres Entsetzen in ihrem Gesicht liegen, ist wohl
eine Frage der Betrachtung. Jedenfalls ist nicht nur der kalte Wind
ein Grund, diesem Ort so schnell wie möglich wieder zu entfliehen.
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