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REISEN
Notizen
aus Südrussland
Erschienen in der Frankfurter Rundschau als Reisetagebuch
Von Andrea Strunk
Der Bruder – Wolgograd 3. Teil
Iwan Pietrowitsch Schabunin ist ein bescheidener Mann. Was aus diesem
großen Russland werden soll, nein, dazu will er nichts sagen.
Er sei doch nur ein Politiker aus Wolgograd. Dann seufzt er, faltet
seine Hände, die so groß scheinen wie das ganze Land, und
schaut ein wenig wehmütig auf die kahlen Wände seines Büros.
Nicht einmal ein Lenin hängt dort. Nur in der Ecke steht ein trauriges
Schränkchen mit einem Aktenordner, der wohl übrig blieb, als
Iwan Pietrowitsch Schabunin den Posten des Gouverneurs von Wolgograd
räumte, um Jüngeren Platz zu machen, die sich besser verstehen
auf das, was in diesem neuen Russland vor sich geht.
In Wolgograd wird das neue Russland durch die kommunistische Partei
vertreten. Die will das Alte zum Neuen machen. Zum 60. Jahrestag des
Sieges über die Deutschen soll die Stadt wieder den Namen zurückerhalten,
die ihr Ehre und die Lenin-Medaille für besondere Verdienste um
das Vaterland brachte. Stalingrad. Ausgerechnet. Die Kommunistische
Partei nennt das nicht Umbenennung. Sie nennt es Originalbenennung.
Dabei trug die Stadt diesen Namen gerade 36 Jahre.
Stalin, sagt Schabunin mit den großen Händen, die denen des
Boris Jelzin sehr ähnlich sind - auch die Physiognomie des Ex-Gouverneurs
ist es -, Stalin also sei eine große Persönlichkeit gewesen.
Vor ihm habe die Welt gezittert, das mag der Welt nicht gepasst haben,
aber der Stärke Russlands habe es genützt. Deshalb also Stalingrad,
ein Name, der an die großen Tage erinnert, als der Faschismus
den Todesstoß erhielt. „Wir haben nicht nur Russland, wir
haben die ganze Welt befreit.“
Iwan Pietrowoitsch Schabunin, im Rentenalter ehrenamtlich für die
auswärtigen Beziehungen der Stadt zuständig, sagt, er habe
bessere Zeiten erlebt. Nicht gerade unter Stalin, auch nicht unter Chruschtschow.
Aber dann. „Die schönsten Jahre waren die zwischen ’75
und ’85“. Aber jetzt. Wir sähen ja, wie es um die Stadt
bestellt sei. Nur der Schein der Glorie halte so manches zusammen, die
Wirklichkeit bestünde aus Arbeitslosigkeit, Sorgen, Geldmangel.
Der Ruf nach Stalin wundere ihn nicht. „Ihr Deutschen, Ihr denkt,
das waren nur Jahre des Leidens. Ihr denkt, das Ende der Sowjetzeit
war ein Segen, aber das war es nicht. Es war ein Zusammenbruch. Wir
waren doch versorgt, wir hatten, was wir brauchten.“
Aber Stalingrad? Bedeutet das nicht, einen Schatten über die Stadt
zu legen? Alte Feindschaften in Erinnerung zu rufen? „Im Gegenteil“,
Schabunin legt seine große Pranke auf sein Herz, „es verbindet“.
Eine Geschichte wolle er erzählen, sagt er, und reibt sich die
Augen, in denen Tränen stehen. Eine Geschichte von Helmut Kohl.“
Von Kohl? Ja, er habe Kohl getroffen, als Delegierter einer russischen
Abordnung in Berlin. Jedem von Ihnen habe Kohl die Hand geschüttelt
und gefragt, woher sie seien. „Und ich habe geantwortet: Stalingrad.
Da hat Kohl mich umarmt und mich Bruder genannt. Mein Bruder aus Stalingrad.“
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